Die “Bedeutung” von Dr. Heinz Drewes – von 1937-1944 Leiter der Musikabteilung im Propagandaministerium – ist bis heute nicht erkannt


trotz von der “Deutschen Forschungsgemeinschaft” geförderter Tagung über die Reichsmusikkammer an der FU Berlin mit weltweit erstem Referat über Drewes am 29. Juni 2013





Tagungsreferent Oliver Bordin (Univ. Münster) teilt in seinem Tagungsbericht für die “Gesellschaft für Musikforschung” über das 1999 in Kanada begonnene Projekt mit:

“Mit dieser Tagung wurde eine 1999 in Toronto und 2002 in Berlin begonnene Reihe fortgesetzt, deren Ergebnisse in den Tagungsbänden ‘Music and Nazism: Art under Tyranny, 1933-1945′ (Michael H. Kater, Albrecht Riethmüller, Laaber 2003) und ‘Deutsche Leitkultur Musik? Zur Musikgeschichte nach dem Holocaust’ (Albrecht Riethmüller, Stuttgart 2006) dokumentiert sind.

Im Fokus der dritten Tagung standen nun sowohl Strukturen, Aufgaben und Personal der RMK, als auch Musiker und Funktionäre, deren Handeln konkrete Rückschlüsse auf die Spielräume und Grenzen von Musik im Dritten Reich erlaubt. [...]

Zu Beginn des letzten Tages (29.6.) referierte zunächst Martin Thrun (Leipzig) über den Leiter der Musikabteilung im Propagandaministerium, Heinz Drewes, und beschrieb hierbei sehr anschaulich dessen Arbeit im Ministerium sowie den Versuch von Joseph Goebbels, mit diesem Musikamt hausintern eine Konkurrenz zur Reichsmusikkammer zu installieren.

[unrichtig: Amtliche Mitteilungen der Reichsmusikkammer 15. April 1938:

'Dem Ministerium kommt die politische und musikpolitische Führung, den Kammern die berufstsändische Vertretung ihrer Mitglieder zu']”


17. Mai 1938 Drewes an den Wiener Staatsoperndirektor Dr. Erwin Kerber – Personalien Karajan, Jerger, Wetzelsberger, Reichwein und Weingartner betreffend:




Die zum Februar 1937 von Goebbels eingerichtete und von Drewes geleitete Musikabteilung des Propagandaministeriums – ihr oblag die “richtunggebende Führung des gesamten deutschen Musiklebens” und auch in den besetzten Gebieten – wurde auf der Tagung kaum betrachtet.


Goebbels Tagebücher 25. Februar 1937:

“Mit Drewes Organisation der neuen Musikabteilung besprochen. Keine Bürokratie. Guten Mitarbeiterstab suchen. Autorität gegen die Kammer durchsetzen. Mehr führen als verwalten. Den ganzen Verwaltungskram auf die Kammer abwälzen. Drewes macht einen guten Eindruck.”


24. Dezember 1937 Goebbels’ Staatssekretär Walther Funk an den Reichsfinanzminister (BA. R 2/4931 103 01680):

“Im Hinblick auf die Bedeutung und den Umfang des von ihm [Drewes] zu betreuenden Aufgabengebietes, zu dem vor allem die richtunggebende Führung des gesamten deutschen Musiklebens gehört, halte ich diese Bezahlung für gerechtfertigt.”

Der Brief von Walther Funk ging noch an den Reichsinnenminister, den Stellvertreter des Führers und den Chef der Reichskanzlei.



Sollte sich mit der mangelhaften Tagung zur Reichsmusikkammer zum von Prof. Riethmüller geleiteten “ Teilprojekt B4: Ästhetische Diversifikation als Zukunft der Musik?” des im Rahmen an der Freien Universität Berlin angesiedelten DFG-Sonderforschungsbereich 626: “Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste” auf geradezu zynische Weise von selbst eine ab 2000 kritisierte DFG-Vertuschungspolitik fortsetzen, indem die für die Musik einflussreichste Person – Drewes – als solche nicht erkannt wird?



Die DFG förderte die Entwicklung des “Generalplan Ost“, der im Fall des Sieges über die Sowjetunion die Ermordung von 30 – 50 Millionen fremdvölkischer Menschen vorsah. Der Hauptautor des “Generalplan Ost”, Prof. Konrad Meyer, war von 1936 – 1945 Vizepräsident der DFG.


aus “Geisteswissenschaften im Rahmen der NS-Besatzungspolitik


Während des millionenfachen Mordens in Polen und der Sowjetunion und des Holocaust plante und organisierte Heinz Drewes zugleich die “musikkulturelle Neuaufforstung der deutschen Ostgebiete”.


Die DFG förderte Himmlers “Lehr- und Forschungsgemeinschaft ‘Das Ahnenerbe’


Zur geplanten Vernichtung von zig Millionen Menschen in der Sowjetunion (“Backe- oder Hungerplan” bis zu 30 Millionen verhungerte zusätzlich zu den im Rahmnen der Umsetzung des “Generalplan Ost” vorgesehenen 30 – 50 Millionen ermordeten “Fremdvölkischen”)



Der mit seiner im April 2011 bei Böhlau erschienenen Dissertation “Politisierte Orchester. Die Wiener Philharmoniker und das Berliner Philharmonische Orchester im Nationalsozialismus” aufgrund seines Marketings mittlerweile international beachtete Historiker Dr. Fritz Trümpi nennt Drewes in diesem Buch nicht! (23. März 2013″Trümpi wirbelt in Wien Staub auf“)

Drewes veranlasste am 19. und 23. März 1938 persönlich im Auftrag von Goebbels vor Ort in Wien die Entjudung der Wiener Philharmoniker.

Die Wiener Philharmoniker und die von ihnen im Januar 2013 mit der am 10. März 2013 zum 75. Jahrestag des “Anschlusses” im Teesalon der Wiener Staatsoper vorgestellten Aufarbeitung der NS-Geschichte der Wiener Philharmoniker beauftragten Historiker Prof. Oliver Rathkolb und Trümpi nennen Drewes, obwohl er auch für die WPH nach dem “Anschluss” zuständig war, in ihrer Aufarbeitung “Die Wiener Philharmoniker in der NS-Zeit (1938-1945)“, obwohl sie 2011 von mir detailliert über Drewes informiert worden waren, nicht! Die ebenfalls vom Orchester beauftragte Bernadette Mayrhofer nennt Drewes an einer Stelle ihrer Texte (S. 3 2. Absatz dieses Artikels).



2000 – 2011 deutlichste Kritik an der jahrzehntelangen mangelhaften Aufarbeitung der Geschichte der “Deutschen Forschungsgemeinschaft”:


12. Oktober 2000 Die Zeit: “Deutsches Blut und leere Aktendeckel / Die Deutsche Forschungsgemeinschaft feiert 80. Geburtstag – und schönt ihre Geschichte vom am 18. Mai 2013 verstorbenen Ernst Klee:


“Die DFG hat ihre Vergangenheit zweimal darstellen lassen:

1968 legte DFG-Generalsekretär Zierold das Verharmlosungsopus ‘Forschungsförderung in drei Epochen’ vor.

Im vergangenen Jahr publizierte der Frankfurter Historiker Notker Hammerstein im Münchner Verlag C. H. Beck sein Buch ‘Die Deutsche Forschungsgemeinschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich’.

Eine DFG-Auftragsarbeit.

Der Autor behauptet, die DFG vor 1945 sei zu einer Verrechnungsstelle des Reichswissenschaftsministeriums verkommen und habe mit der DFG nach 1945 nichts zu tun. Menschenversuche seien aus den Förderakten nicht ersichtlich. Beides ist falsch.

Hammerstein wörtlich: ‚Am schwierigsten ist die Beurteilung bei den Projekten der Erb- und Rassenkunde und der Bevölkerungspolitik. Aber auch hier folgten viele Forscher den traditionellen, seit Ende des 19. Jahrhunderts üblichen Auffassungen von moderner Hygiene, von Fürsorge und Vorsorgepflicht der öffentlichen Hand für Geschädigte, sogenannte Asoziale oder Behinderte unterschiedlichster Art.‘

Nun, Fürsorge für ‚Asoziale‘ gipfelte in der Vernichtung durch Arbeit im KZ, und für 70 273 Behinderte endete sie in den Gaskammern der Euthanasie-Anstalten zum Beispiel im hessischen Hadamar.

Zwar kommt auch Hammerstein nicht darum herum, 20 Seiten seines 580-Seiten-Opus’ der ‚Förderung verbrecherischer Forschung‘ zu widmen. Doch kann man allen Ernstes eine Forschung, die Sinti und Roma zu minderwertigen Bastarden erklärte, als allgemeinmedizinisch ausgeben und die Forderungen der wissenschaftlichen Vordenker und Handlanger der Kranken- und Judenvernichtung in die Nähe von Für- und Vorsorge rücken?

Es ist absurd: In der Diskussion um Rechtsradikalismus und Neonazis appelliert derzeit wieder einmal alles, die Wurzeln des Nationalsozialismus schonungslos aufzudecken. Zugleich aber werden die Täter nach wie vor weichgezeichnet, geht die Weißwaschung auch im hehren Reich der Wissenschaft weiter.

Ein DFG-Fachspartenleiter kam 1948 vor Gericht: SS-Oberführer Konrad Meyer-Hetling, zuständig für Landbauwissenschaft und allgemeine Biologie.

Er verfasste im Sommer 1941 die Grundlage für Himmlers ‚Generalplan Ost‘, der die Versklavung Osteuropas vorsah – ein Fall, den zu schildern selbst Hammerstein seinen Auftraggebern nicht ersparen kann.

Meyer-Hetling wurde im Nürnberger Prozess gegen die Mitarbeiter von Himmlers Rasse- und Siedlungshauptamt zu knapp drei Jahren Haft verurteilt und kurz darauf auf freien Fuß gesetzt. 1956 bekam er einen Lehrstuhl für Gartenbau- und Landeskultur an der TH Hannover.”



Viele sehr kritische Reaktionen bis 2011: “Geschichte der deutschen Vertuschungsgemeinschaft (DFG/DVG)” – auch zur von Professor Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der DFG von 1998 – 2006, zugesagten neuen Aufarbeitung:

“Stellungnahme von Professor Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der DFG, Bonn, in Die Zeit, Nr, 44, 26.10.2000 zu: Ernst Klee: ‘Deutsches Blut und leere Aktendeckel’, Nr. 42″:

“DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker berichtete, daß das Präsidium der DFG – angeregt durch Hammersteins Buch – beschlossen habe, im Frühjahr 2000 ein wissenschaftsgeschichtliches Kolloquium zu veranstalten, in dem die bisherigen Forschungsergebnisse zur Rolle von Forschung und Wissenschaft in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus zusammengetragen und in den größeren Zusammenhang des Verhaltens von Eliten unter totalitären Regimen gestellt werden sollen.

‘Ernst Klee und auch Benno Müller-Hill bin ich dankbar dafür, dass sie schon in den achtziger Jahren mit ihren Recherchen das dunkelste Kapitel deutscher Wissenschaftsgeschichte ins öffentliche Bewusstsein gebracht haben. Insofern schätze ich sowohl die Kritik als auch die Hinweise zur Sache, die Ernst Klee in diesem Aufsatz geäußert hat.

Schon bei meinem Amtsantritt im Jahre 1998 habe ich es als schwere Bürde empfunden, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ihre Vergangenheit nur sehr unvollständig aufgearbeitet hatte. Gleichzeitig aber musste ich lernen, dass es so einfach gar nicht ist, sich über die Vorgänge in dieser Zeit und die Verantwortung der einzelnen Beteiligten ein genaues Bild zu machen.

Vor diesem Hintergrund habe ich angeregt, zusätzlich zu Notker Hammersteins Buch über die DFG von 1920 bis 1945, das im März 1999 vorgestellt wird, ein weiteres größeres Forschungsprojekt zur Geschichte des eigenen Hauses aufzulegen.

Dieses Projekt, das im September dieses Jahres begonnen wurde, leiten der bekannte Wissenschaftshistoriker Professor Rüdiger vom Bruch, Berlin, und der ausgewiesene NS-Historiker Professor Ulrich Herbert, Freiburg.

Die Untersuchungen – so zeigte schon eine auf Initiative der DFG zustande gekommene internationale Fachtagung – dürfen sich nicht auf die Zeit bis 1945 beschränken, weil sonst die vielfältigen Kontinuitäten über 1945 hinaus bis tief in die Zeit der Bundesrepublik nicht sichtbar würden.

Um die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nicht auf die Vorlage von Forschungsergebnissen, die erst in einigen Jahren zustande kommen können, zu verschieben, ist zudem eine ständige Ausstellung im Foyer des neuen DFG-Hauptgebäudes geplant. Sie soll jeden Mitarbeiter und Besucher der DFG anhand des schon heute Bekannten auf die schweren Verstrickungen der DFG hinweisen.

Dass all dies mit so großer Verspätung geschieht, ist nicht nur bei der DFG, sondern bei vielen anderen Institutionen und Verbänden auch zu beobachten. Bei der DFG ist dieser Mangel allerdings in ganz besonderem Maß zu bedauern, weil sie vor und nach 1945 eine so herausgehobene Stellung in Deutschland eingenommen hat. Die DFG wird alles tun, was in ihren Möglichkeiten steht, um endlich diesem Mangel einer bislang nur unvollständigen Aufarbeitung ihrer Geschichte abzuhelfen. Ob die DFG vor dem Hintergrund der nunmehr eingeleiteten Maßnahmen wirklich eine Vertuschungsgemeinschaft ist, wie Ernst Klee schreibt, oder nicht, darüber bitte ich die Leserinnen und Leser dieser Zeilen, sich selbst ein Urteil zu bilden.”


29. Juni 2013 Referat von Musikwissenschaftler PD Dr. Martin Thrun (Univ. Leipzig):

“Führung und Verwaltung. Heinz Drewes als Leiter der Musikabteilung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda (1937–1944)”


Thrun hatte den nach dem Krieg in Nürnberg lebenden und bis Mitte der 1960er Jahre das Opernstudio des Nürnberger Konservatoriums leitenden Drewes 1979 – ein Jahr vor dessen Tod – in Nürnberg besucht und vor laufendem Mikrofon interviewt.

Dabei erzählte ihm Drewes, dass er Goebbels und Richard Strauss wieder zusammengebracht habe und Strauss Drewes dafür mit “Papieren” aus der Oper “Daphne” beschenkte. Drewes zeigte Thrun diese “Papiere”.



1938 Drewes zwischen R. Strauss und Goebbels auf den von Drewes initiierten und organisierten 1. “Reichsmusiktagen” Düsseldorf im Anschluss an die “Kulturpolitische Kundgebung” 29.Mai 1983:

Dieses Foto und Drewes’ Aussage betreffender Tagebucheintrag Goebbels’ vom selben Tag (29. Mai 1938):

„Die Kundgebung in der Tonhalle ist großartig. Strauß dirigiert hinreißend sein ‚festliches Präludium‘ und die Leonoren-Ouvertüre. Er ist glücklich, als ich ihm ein paar freundliche Worte sage. Er hat nun auch genug gebüßt. Das ganze deutsche Musikschaffen ist versammelt. Meine Rede schlägt ein wie eine Bombe. Ich bin in bester Form.“


Vor Entstehen des obigen Fotos während der “Kulturpolitischen Kundgebung”: Drewes (im Anzug) neben Goebbels in der ersten Reihe der Düsseldorfer Tonhalle – Richard Strauss dirigiert




Nach Drewes’ Tod (1905 Gelsenkirchen-1980 Nürnberg) konnte ich in einem Forchheimer Antquariat ein von ihm zusammengestelltes umfangreiches Erinnerungs-Album erwerben, in welchem er sein künstlerisches (Dirigent) und kulturpolitisches Wirken von 1932 – 1941 vor allem anhand von Presseartikeln lückenlos dokumentierte. Drewes wollte dieses Album wohl nicht vernichten. So bewahrte er dieses Dokument, welches wichtigste Aufschlüsse über ihn und auch z.B. die Wiener Philharmoniker ermöglicht.




Am 22. September 1933 von Hitler und Goebbels unterzeichnetes Reichskulturkammergesetz:

§ 6. Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda und der Reichswirtschaftsminister werden ermächtigt, durch gemeinsame Verordnung der Bestimmung der Gewerbeordnung in Einklang mit den Bestimmungen dieses Gesetzes zu bringen.

§ 7. Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda wird ermächtigt, zur Durchführung dieses Gesetzes Rechtsverordnungen und allgemeine Verwaltungsvorschriften, auch ergänzender Art, zu erlassen.

Am 1. November 1933 von Goebbels und Reichswirtschaftsminister Schmitt unterzeichnete “Erste Verordnung zur Durchführung des Reichskulturkammergesetz“:

“§ 22. Der Präsident der Reichskulturkammer kann Entscheidungen der Einzelkammern aufgeben und die durch sie geregelte Angelegenheit zur eigenen Entscheidung an sich ziehen.”

und

“§ 27. Der Verkehr der Reichskulturkammer und der Einzelkammern mit der Reichsregierung darf nur durch den Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda stattfinden.”

Somit konnte Goebbels – der in Personalunion das Propagandaministerium und die Reichskulturkammer leitete – jeden Vorschlag der RKK-Abteilungen ablehnen. Da die RKK nur über Goebbels mit der Regierung kommunizieren durfte, war ein Beschwerde- oder Alternativweg der RKK-Kammern von vornherein ausgeschlossen.


Das Propagandaministerium hatte den RKK-Kammern entsprechende Abteilungen.


Ab April 1938 lag die musikpolitische Führung bei der Musikabteilung des ProMi – RMK nur noch berufständiche Vertretung

2007 wurde Rainer Siebs Dissertation (Univ. Osnabrück) “Der Zugriff der NSDAP auf die Musik” digitalisiert ins Netz gestellt. Auf den Seiten 125-128 geht Sieb auf Drewes ein und listet die Referate der Musikabteilung mit deren Aufgabenbereichen auf:


S. 128: “In der Praxis besaß die Reichsmusikkammer mit der Errichtung der erwähnten Musikabteilung im Propagandaministerium nur noch den Status einer nachgeordneten und ausführenden Dienststelle.

Die Leitung und der Präsidialrat der Reichsmusikkammer hatten letztendlich gegenüber Dr. Heinz Drewes und seiner Musikabteilung keinerlei Befehlsgewalt.

Auch die ursprünglichen Planungen der Reichsmusikkammer für eine verstärkte musikpolitische Zusammenarbeit mit Behörden, Parteidienststellen und weiteren Organisationen kamen in der Standesorganisation der ‘arischen’ Musiker nicht mehr zustande.”


Auflistung der Referate der Musikabteilung:

zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken


Reinhold Scharnke: Deutscher Musiker-Kalender 1943



RMVP: Drewes Leiter der
Musikabteilung
Reichsmusikprüfstelle
Reichsstelle für Musikabearbeitungen
Amt für Konzertwesen
Auslandsstelle für Musik



Drewes im Präsidialrat der RMK




April 1938 Drewes in einer Reihe neben Hitler und Goebbels im Berliner Furtwängler-Konzert mit den Wiener Philharmonikern

Der 34-jährige Drewes am 22. April 1938 ganz links in der vorderen Reihe der Loge der Berliner Philharmonie neben Goebbels’ Staatssekretär Karl Hanke (Hanke war der letzte Reichsführer SS), Hitler, Goebbels und Hitlers Adjutant SS-Obergruppenführer Julius Schaub beim Konzert der Wiener Philharmoniker unter Furtwängler – Die Wiener Philharmoniker stellen sich zwölf Tage nach der “Anschluss”-Abstimmung dem “Führer” vor.



Besprechung von Hans Rutz, Ostmark Musik-Propagandist, ab 1958 Aufnahmeleiter Klassik der “Deutschen Grammophon Gesellschaft”, ab 1962 auch deren Pressechef. Rutz baute das Pressebüro der DGG und den DGG-Welterfolg der Marke “Herbert von Karajan – Berliner Philharmoniker” auf.




Trotz der Berliner Tagung im Juni 2013 ist Drewes in seiner Bedeutung für die NS-Musikpolitik immer noch weitgehend unerkannt.


Dies geht auch aus dem am 13. Juli erschienenen FAZ-Tagungsbericht von Jan Brachmann hervor. (S. 3)



Nina Okrassa, deren Dissertation über Musikkammerpräsident Peter Raabe 2004 erschien, war nicht zur Tagung geladen.

Sie wusste bereits 2004 mehr, als im Juni 2013 berichtet wurde:

“Amtliche Mitteilungen der Reichsmusikammer” 15. April 1938:

“Die Abgrenzung der Aufgabengebiete zwischen Ministerium und Kulturkammer ist eindeutig festgelegt: dem Ministerium kommt die politische und musikpolitische Führung, den Kammern die berufständische Vertretung ihrer Mitglieder zu.”



“Peter Raabes Machtverlust [...] Außerdem wird durch die Darstellung der Kompetenzstreitgkeiten zwischen Raabe und Drewes die Arbeit der Musikabteilung näher beleuchtet, über die bislang sehr wenig bekannt ist.”




Albrecht Dümling, der 2007 im Auftrag der Berliner Philharmoniker die im Foyer der Berliner Philharmonie gezeigte Gedächtnisausstellung “Das verdächtige Saxophon” zur im Rahmen der “Reichsmusiktage 1938″ gezeigten Ausstellung “Entartete Musik” zusammmenstellte – es erschien ein umfangreicher Katalog und vier CD’s mit Tondokumenten -, betonte in seinem Tagungsbericht in der NMZ “Von Musikern ersehnt, durch Goebbels ausgehöhlt“, dass Okrassa nicht eingeladen war. Dümling hob den Ansatz der Tagung begrüßend hervor:

“Nur selten wurde diese Institution, deren Archivalien leider in Einzelteile aufgelöst wurde, im Zusamenhang betrachtet. Umso willkommener war die von Albrecht Riethmüller (Berlin) und Michael Custodis (Münster) organisierte Tagung ‘Die Reichsmusikkammer im Zeihen der Begrenzung von Kunst’. Der merkwürdige Titel erklärt sich aus dem DFG-Sonderforschungsbereich ‘Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste’, in dessen Rahmen die Tagung stattfand.”

Dümling zu Thrun und Drewes:

“Die eigentliche Steuerung des deutschen Musiklebens übertrug er [Goebbels] 1936 [! unrichtig: 1938!] der neuen Musikabteilung des Propagandaministeriums. An ihre Spitze stellte er den Dirigenten Heinz Drewes, dessen Wirken bislang kaum untersucht wurde.

Umso grundlegender war das Referat von Martin Thrun. Er hatte aus Gesprächen mit diesem einst so einflussreichen Mann von dessen Bemühungen um Richard Strauss erfahren. Dass Drewes neben Heinz Thiessen auch den bei Nazis verhassten Gustav Brecher zu seinen Lehrern zählte, hatte er im Dritten Reich wohlweislich verschwiegen. Von Thrun erfuhr man nun, dass dieser diskret im Hintergrund wirkende Funktionär auch die Reichsmusikprüfstelle und die Reichsstelle für Musikbearbeitungen leitete und zudem zwei wichtige Ämter der der Musikkammer in seine Abteilung überführt hatte. Mit Kriegsbeginn war damit die weiterhin von Raabe geleitete Musikkammer zu einer nur noch leeren Hülle geworden.”

Nur ein “diskret im Hintergrund wirkender Funktionär” war Drewes nicht!



Der Leiter der Musikabteilung und Dirigent Drewes setzte sich kraft seines Amtes für den 28. März 1939 ein Dirigat der Wiener Philharmoniker im Wiener Musikverein an.

Ankündigung vom 21. März:

“Seit 1. Februar 1937 wirkt Dr. Drewes als Leiter der Abteilung Musik im Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda, wohin ihn Reichsminister Dr. Goebbels berufen hatte. Hier steht er der Musikpolitik des Großdeutschen Reiches vor, ohne aber die ihm im In- und Ausland große Erfolge bringende Dirigententätigkeit aufgegeben zu haben. In seiner Hand ist die Führung des gesamten deutschen Musiklebens vereinigt, hier wird dem Aufbau einer neuen deutschen Musikkultur der Weg bereitet, die fest in dem unschätzbaren Besitz des Volkes an musikalischen Gütern und in seinen großen Traditionen wurzelt, zugleich aber vom Geist eines kämpferischen nationalsozialistischen Willens getragen ist.”



Dieses Konzert fand dann erst am 25. Mai statt, da Drewes zunächst noch die Reichsmusiktage 1939 vorübergehen lassen wollte, um so vor dem Konzert am 20. und 24. Mai auf seine Beteiligung bei der Einrichtung und Organisation dieser Tage in der Presse hinweisen zu können und die Idee “Volk und Musik” zu vermitteln.

Volks-Zeitung 20. Mai “Dirigent und Organisator” (links oben):

“Gerade jetzt, wo die Reichsmusiktage große Beachtung finden, verdient es, festgehalten zu werden, daß Dr. Drewes an der Einrichtung dieser Veranstaltung maßgeblichen Einfluß hatte.”

Drewes war maßgeblich an der Begründung des Neujahrskonzert der Wiener Philharmomiker (31. Dezember 1939) beteiligt. Am Silvestertag wurde das vom Propagandaministerium in Zusammenhang mit der Johann Strauss-Arisierung bestimmte Johann Strauss-Konzert der Wiener Philharmomniker unter Clemens Krauss vom 13. August 1939 im Rahmen der Salzburger Festspiele im Wiener Musikverein – kurzfritig angesetzt (22. Dezember) – einfach wiederholt. Das Salzburger Konzert und natürlich auch das Wiener entsprachen Drewes’ Vorstellung von “Volk und Musik”

Volks-Zeitung 24. Mai “Volk und Musik” (unten auf dieser Seite):

“Eine Erneuerung des Volkstums kann an den kraftbringenden Quellen des Volkstums niemals vorbeigehen. Zuweilen freilich, in vergangenen, dunklen Tagen, schien es so, als müsse das Volk bei seiner und die Gattung ‘Gebildete’ bei ihrer Musik verbleiben. Anders ausgedrückt: Man unterschied zwischen einer ‘leichten’ und einer ‘schweren’ Musik. Selbstverständlich gehörte jeder Walzer, den Johann Strauß schrieb, die Ouvertüre zum ‘Zigeunerbaron’ und Suppes ‘Leichte Kavallerie’ der leichten Muse, die ‘Kleine Nachtmusik’ Mozarts oder die’Eroica’ Beethovens in die höheren Regionen. Unsere Tonsetzer, Deutsche, die zu Deutschen sprachen, sollten also der Absicht gehuldigt haben, es gebe gröbere und feinere Sinne, und nur zu ihrem unterschiedlichen Dienst sei die Kunst berufen.

Die Meister selber freilich – das übersahen die Werber für schwere und leichte Musik – dachten ganz anders. Weit bekannt sind die Worte, die Brahms an die Anfangstakte des Walzers ‘An der schönen blauen Donau’ setzte. Johann Strauß hingegen sprach in seiner Verehrunhg für Mozart von diesem geradezu als einem ‘Wiener’ Kind und recht gern hörte der Walzerkönig Beethovens ‘Leonoren’-Ouvertüre. [...]

Ob Strauß oder Wagner: sie bekannten sich als schöpferische Geister, ohne auf gekünstelte Einteilungen zu hören, zu den drei Gewalten, die das Leben der Musik seit je bestimmten: Gedanke, Harmonie, Melodie. Die Kraft des Volkes faßt sie zusammen, durchdringt und begreift sie. [...]

Die Gesänge, die das Volk ersonnen, die es in Jahrzehnten gehegt, umgesungen, denen es wechselnde Dichtungen unterlegte und auch diese umformte, haben ein Recht darauf, während einer großen zusammenfassenden musikalischen Festlichkeit gehört zu werden. Diese Melodien sind die Gabe und zugleich der Dank des Volkes, für das unsere Meister der Vergangenheit schufen. Aus dem Naturgesang strömende anregende Kräfte, und manch klarer Bach schuf aus einer Heide einen Zaubergaten. ‘Die Naturseite der Tonkunst liegt in jenen Weisen’, so sagte der Volkskundler E.H. Riehl, ‘welche über Nacht entstehen, wenn eine Nation von innen oder außen gerüttelt wird, wenn ein Jubel oder eine Herzensangst über alle kommt, wenn ein großes Ereignis hereinbricht, das die Leidenschaft allerorten aufbrausen läßt.’

Wir leben in einer Zeit, da es notwendig ist, den Hauptquell der Erneuerung unseres Volkes, die Musik, weder von der Gesellschaftsgeschichte noch von theoretischer Aesthetik her zu betrachten und zu pflegen; Düsseldorf zeigte uns die deutsche Musik, die sich an alle wendet und die jene politische Bedeutung im weitesten Sinne begriffen hat, die der Tonkunst zukommt: innere Erhebung, geistige Läuterung, Freud- und Kraftspender zu sein. Zusammenfassung, nicht Trennung, Verbundenheit in weltanschaulicher Lebenshaltung, nicht musikalisch gewollte Nachzeichnung wissenschaftlicher Weltanschauung: so zeigt der Wegweiser an der Straße deutscher Tonkunst.”




Bordin Tagungsbericht für gfm

“Das von Albrecht Riethmüller (Berlin) geleitete Teilprojekt „Ästhetische Diversifikation als Zukunft der Musik“ im DFG-Sonderforschungsbereich Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste an der Freien Universität Berlin veranstaltete vom 27. bis 29. Juni 2013 gemeinsam mit Michael Custodis (Münster) ein Symposium, das den Einfluss der Reichsmusikkammer (RMK) auf das deutsche Musikleben zum Gegenstand hatte.

[...]

Den Abschluss der Veranstaltung markierte eine von Albrecht Riethmüller geleitete Gesprächsrunde aller Teilnehmer zur Präsidentschaft von Peter Raabe an der Spitze der Reichsmusikkammer.

Die Publikation der Tagungsergebnisse ist für das kommende Jahr in Vorbereitung.”


Der Band soll im Frühjahr 2014 erscheinen.


Bordin referierte über das Thema:

“Der Taktstock als Waffe – Ein Kommentar zum Kriegseinsatz deutscher Dirigenten”


1941 Drewes mit Offizierskoppel



Jan Brachmann in der FAZ zum Bordin-Referat: “Auch der Beitrag von Oliver Bordin über ein Gutachten des Sicherheitsdienstes zur Wirkung von Auslandstourneen deutscher Orchester in den besetzten Gebieten deutete darauf hin, dass die Gestaltungshoheit des Musiklebens keineswegs bei der Reichsmusikkammer lag.”


Albrecht Dümling kurz: “referierte Oliver Bordin über propagandistische Dirigentengastspiele”



Drewes leitete auch die “Auslandsstelle für Musik” und das “Amt für Konzertwesen”.”


Hitlers Geheim-Erlaß vom 7. Oktober 1939:

“Die Folgen von Versailles in Europa sind beseitigt. Damit hat das Großdeutsche Reich die Möglichkeit, deutsche Menschen, die bisher in der Fremde leben mußten, in seinen Raum aufzunehmen und anzusiedeln und innerhalb seiner Interessengrenzen die Siedlung der Volksgruppen so zu gestalten, daß bessere Trennungslinien zwischen ihnen erreicht werden. Die Durchführung dieser Aufgabe übertrage ich dem Reichsführer-SS nach folgenden Bestimmungen”



3. Juni 1940 Vortrag von Dr. Hanns Rohr “Die Musik im Geistesleben des deutschen Volkes” im Festsaal des “Institut für deutsche Ostarbeit” Krakau.


Rohr war 1940 im Auftrag von Generalgouverneur Dr. Hans Frank mit der Zusammenstellung eines Sinfonieorchesters aus – polnischen – Kräften der ehemaligen Warschauer Opern- und Konzertorchester befaßt und wurde dann zum Leiter dieser “Philharmonie des Generalgouvernements” in Krakau ernannt.







4. Juli 1941 Sowjetunion, Storow. Von der SS zusammengetriebene jüdische Männer, Frauen und Kinder schaufeln ihr eigenes Grab. Bundesarchiv Bild 183-A0706-0018-029




Drewes an Goebbels Berlin 21. März 1941 – Eindruck der Reise nach Posen (“Wartheland“) – “musikkulturelle Neuaufforstung der deutschen Ostgebiete”:

“Unter dem Eindruck der Posener Reise möchte ich dem Herrn Minister folgendes unterbreiten. Die musikkulturelle Neuauffortsung der deutschen Ostgebiete kann nicht nur aus einer Summe finanzieller Einzelhilfen bestehen, sondern bedarf vor allem einer einheitlichen geistigen Ausrichtung, die auf gesicherten musikgeschichtlichen Grundlagen ruht. [...]

Das Ordinariat der Wiener Universität befand sich seit über einem halben Jahrhundert in jüdischer Hand (E. Hanslick, G. Adler) und wirkte mehr als Einbruchsstelle, denn als Abwehrbastion gegen das Galiziertum. Hier tut eine grundlegend zusammenfassende Darstellung not, die z.B. für das 13. Jahrhundert die Musikpflege des Deutschen Ordens und die deutsche Volksliedwanderung aus Innerdeutschland nach Oberungarn und Siebenbürgen verfolgt. Für die Zeit um 1500-1525 steht eine mächtige Ostfront deutscher Tonmeister aufgebaut: […]

Es gilt für das 17./18. Jahrhundert den gewaltigen Einstrom deutschen Musikgutes in den baltischen, polnischen, böhmisch-mährischen und ungarischen Raum einmal zusammenhängend in seiner vollen Eindringlichkeit darzustellen, um dann aus diesem kulturgeographischen Musikgeschichtsbild die kulturpolitischen Aufgaben und Möglichkeiten für Gegenwart und Zukunft in diesen weiten, uns wieder anvertrauten Gebieten zu entwickeln.

[...] hiermit möchte ich eine Erweiterung auf den ganzen Osten in Vorschlag bringen. Ich bitte um Einverständnis. Heil Hitler!”.



aus Pamela M. Potter “Musicology Under Hitler: New Sources in Context” S. 112 f., in “Journal of the American Musicological Society” 49 (1996): 70-113. Winner of the Alfred Einstein Award, American Musicology Society


Drewes schrieb dies am Tag nach der Eröffnung der von Himmler zum “Generalplan Ost” in Auftrag gegebenen Ausstellung “Planung und Aufbau im Osten”: “Die Eröffnung der großen Ostraumschau durch Heinrich Himmler“:



“Die Musikwissenschaftler und die Germanisierung des Ostens”

aus Pamela M. Potter “Die deutscheste der Künste” Klett-Cotta, Stuttgart, 2000, S. 195, dt. Übersetzung Wolfram Ette; Originalausgabe “Most German of the Arts. Musicology and Society from the Weimar Republic to the End of Hitler’s Reich”, Yale University Press, New Haven & London, 1998:


“Auch für die Musikwissenschaftler war es wichtig, festzustellen, daß Deutschland historische Ansprüche auf die Ostgebiete habe, die von dem jahrhundertelangen deutschen Einfluß auf die musikalische Kultur der zur Zeit besetzten Länder herrührten. Von solchen Rechtfertigungsstrategien war die musikwissenschaftliche Literaturseit dem Anschluß Österreichs durchsetzt.”



Drewes: Historischer deutscher musikalischer Einfluss in allen europäischen Ländern sollte wissenschaftlich einwandfrei dargestellt werden.

Der Leiter der Hauptselle Musik im Amt Reichsleiter Rosenberg, Herbert Gerigk, legt eine Aktennotiz über eine Unterredung mit Drewes an:




Eröffnung Austtellung “Planung und Aufbau im Osten” 20. März 1941



v.l.n.r. Stellvertreter des Führers Rudolf Heß; Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler; Reichsleiter und Cehf der Reichskanzlei, Beauftragter Hitlers für die Aktion T4 (systematische Ermordung von Kranken und Behinderten) SS-Obergruppenführer Philipp Bouhler; Generalinspekteur für das deutsche Straßenwesen, Reichsminister für Bewaffnung und Munition SA-Obergruppenführer Dr. Fritz Todt; Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, Stellvertretendender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren, 1941 von Göring mit der Endlösung der Judenfrage beauftragt SS-Obergruppenführer und General der Polizei Reinhard Heydrich; SS-Obersturmbannführer Prof. Konrad Meyer hauptverantwortlich für Planungen zur Neuordnung des ländlichen Raumes in Osteuropa; 1936 – 1945 Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft





Planung und Aufbau im Osten /Die Eröffnung der großen Ostraumschau durch Heinrich Himmler

SS-Obersturmbannführer Professor Meyer, der Leiter der Hauptabteilung Boden im Reichskommissariat für die Festigung deutschen Volkstums, erläuterte die Einzelheiten der Besiedlungsaktion, die auch die Gründung einer ganzen Anzahl neuer Städte erforderlich mache.

Aus den Ausführungen ließ sich die ungeheuere Aufgabe erkennen, die dem Reichskommissariat hier übertragen worden ist. Die Schau zeigte, daß man von vornherein nicht nur bestrebt ist, städtebaulich neu zu planen, sondern daß man auch den kommenden Anforderungen der Verkehrs durch Verdoppelung der Straßendichte, der Landschaftsgestaltung und allen anderen Problemen in weitester Form gerecht zu werden sucht. Zahlreiche Modelle von Bauernhöfen und Dörfern der verschiedensten Einwohnerzahl sind ausgestellt. Wenn man bedenkt, daß bisher über 550.000 volksdeutsche Menschen über die Grenze gekommen sind, von denen mehrere hunderttausend bereits angesiedelt wurden, und daß dem deutschen Menschen Verhältnisse, wie sie in Polen waren, nicht zugemutet werden, dann läßt sich unschwer die Größe des Vorhabens erkennen, zugleich aber auch die Bedeutung, die dieser Schau zukommt.”


Welche Zahlen stimmen?


Alex J. Kay: Vortrag über den “Backe-Plan” und den “Generalplan Ost” Januar 2012 HU Berlin
(Tondatei 45:33)

Der britische Historiker Alex J. Kay stellte im Januar 2012 die Zusammenhänge bezüglich der NS-Zukunftsplanungen – “Backe-Plan” und “Generalplan-Ost” auf dem Gebiet der Sowjetunion differenzierter dar, als 2006 aus dem Katalog der DFG-Ausstellung “Wissenschaft Planung Vertreibung Der generalplan Oster der Nationalsozialisten” deutlich wird.




Alex J. Kay


Die “Deutsche Forschungsgemeinschaft” förderte die Planung dieser Verbrechen.


“Backe- oder Hungerplan”



SS-Obergruppenführer Herbert Backe ab 1933 Staatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft (RMEL), 1942 kommissarischer Leiter des RMEL. Im April 1944 wurde er offiziell zum Reichsminister ohne Geschäftsbereich ernannt und mit der Weiterführung der Leitung des RMEL beauftragt


“Wegen des fehlgeschlagenen Blitzkriegs verhungerten statt der einkalkulierten 30 Millionen nach Schätzung des Yale-Historikers Timothy Snyder tatsächlich 4,2 Millionen Menschen in den besetzten Gebieten. Betroffen waren neben Einwohnern abgeriegelter Großstädte wie Leningrad, in erster Linie Menschen, die aufgrund angeblicher rassischer Minderwertigkeit oder kriegswirtschaftlicher Nützlichkeitserwägungen am unteren Ende der Ernährungshierarchie standen: vor allem sowjetische Kriegsgefangene, Juden, Behinderte und Psychiatriepatienten.

Nachdem Backe schon vorher an der „Heimatfront […] für die Kürzung der Rationen der noch in Deutschland lebenden Juden“ gesorgt hatte, arbeitete er zusammen mit Himmler von Mai bis August 1942 konsequent daran, den Nahrungsverbrauch im Generalgouvernement drastisch zu reduzieren und rechtfertigte, so der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, „die Eliminierung aller polnischen Juden aus der Nahrungsmittelkette erstmals expressis verbis mit der allgemeinen Ernährungslage“. Als die deutschen Beamten vor Ort am 23. Juni 1942 darauf hinwiesen, dass schon die vorhandenen Nahrungsrationen für die Polen nicht ausreichten und ein Abfluss von Lebensmitteln nach Deutschland untragbar sei, erhielten diese folgende Erwiderung Backes:

‘Im G[eneral]G[ouvernement] befinden sich noch 3,5 M[illionen] Juden. Polen soll noch in diesem Jahr saniert werden.’

Backes Selbstverständnis als ‘Leistungsmensch’ im Nationalsozialismus

In einem Brief vom Herbst 1943 an seine Frau bezeichnete Backe sich als Politiker, der ‘stets nur die Leistung für sich sprechen läßt’, und bedauerte, dass ‘Leistungsmenschen’ wie er beim ‘Führer’ weniger Sympathien als die ‘Angeber’ besäßen. Zu den ‘Leistungsmenschen’, mit denen er auch private freundschaftliche Beziehungen unterhielt, zählte er den Gauwirtschaftsberater und SS-Wirtschaftsführer Hans Kehrl und den Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich.

Wie groß die Wertschätzung Heydrichs für Backe gewesen war, zeigt ein Brief vom 27. Juni 1942 von Heydrichs Witwe Lina an Backe:

‘Ich weiß, wie sehr mein Mann Sie und Ihre Arbeit geschätzt und geachtet hat. Wissen Sie noch, wie oft Sie beide miteinander festgestellt haben, wie gleich und unter wie gleichen Umständen Ihrer beiden Arbeit geschaffen wurde. […] Noch auf seinem Krankenbett sagte Reinhard zu mir: Wie gut, daß Backe jetzt freie Hand hat.’

Wie sehr der ‘Leistungsmensch’ Backe die Vernichtung der Juden wünschte, zeigen erhalten gebliebene Notizen, die er während einer dienstlichen Italienreise am 5. Mai 1943 auf einer Menükarte hinterließ:

‘Organisation des Abendlandes unsere historische Aufgabe, primitive Völker als Glacis vor uns organisieren. Denn Europa lockt den Osten. Bekenntnis zu dieser Aufgabe.

Judentum muss in Europa ausgerottet werden. [...] Der ganze Krieg ist ein antisemitischer Krieg. Staatengerümpel muss beseitigt werden. Einzige Hand, dies zu organisieren: Deutschland, Schwerthand. [...] Unempfindlich gegen Gefühle für Juden.[...] Leben ist grausam.

Wir sind nicht Erfinder, sondern Opfer dieser Welt.’”



2006 Ausstellung der “Deutschen Forschungsgemeinschaft” (Geschichte Selbstdarstellung) auch zur Aufarbeitung der eigenen dunklen Geschichte “Wissenschaft Planung Vertreibung / Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten” (Katalog).




Die von Kay genannten Zahlen der nach “Generalplan Ost” (30 bis 50 Millionen) und “Hungerplan” (bis zu 30 Millionen) zu ermordenden und zu verhungernden “fremdvölkischen” Menschen sind im Katalog der DFG-Ausstellung nicht genannt.

Hier heißt es:

“Millionen slawischer und jüdischer Bewohner sollten versklavt, vertrieben oder ermordet werden. [S.6] [...] Nach den Planungen des RSHA vom November 1941 sollten 31 Millionen ‘fremdvölkische Menschen’ nach Osten deportiert oder ermordet werden [S. 23].”


Die Ausstellung wurde 2012 als Wanderausstellung in Polen gezeigt:

“Im Juni 1942 übersandte der Agrarwissenschaftler Konrad Meyer dem Reichsführer SS Heinrich Himmler eine Denkschrift. Dieses Dokument ist unter der Bezeichnung ‚Generalplan Ost‘ bekannt geworden. Es steht für den verbrecherischen Charakter der nationalsozialistischen Politik und die Skrupellosigkeit der beteiligten Experten. Der ‚Generalplan Ost‘ sah vor, fünf Millionen Deutsche im annektierten Polen und im Westen der zu erobernden Sowjetunion anzusiedeln. Millionen slawischer und jüdischer Bürger sollten versklavt, vertrieben oder ermordet werden.

Vor diesem Hintergrund beleuchtet die Ausstellung von Wissenschaftlern und der DFG. Sie zeigt, dass die Pläne des NS-Regimes zur völkischen Neuordnung Europas auf der Zuarbeit einer Vielzahl wissenschaftlicher Experten basierten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat diese Forschung finanziert. Zugleich skizziert die Ausstellung längere Kontinuitätslinien: Seit den Zwanziger Jahren hatten Forscher die Grundlagen für die spätere Expansions- und Rasenpolitik gelegt. Und die DFG war auch hier eine der wichtigtsen Geldquellen.

Die Ausstellung stellt das Thema in drei Abteilungen vor: Die erste Abteilung skizziert die Vorgeschichte des ‚Generalplans Ost‘ und beleuchtet die Rolle der Wissenschaft. Abteilung zwei zeigt die Planungen für eine ethnische Neuordnung Europas während des Zweiten Weltkrieges, und die dritte Abteilung wirft einen Blick auf die Realitäten von Umsiedlung, Vertreibung und Völkermord zwischen 1939 und 1945″



30. Mai – 4. Juni 1939 Jahrestagung der Forschungs- und Lehrgemeinschaft ‘Das Ahnenerbe’ – mitfinanziert von der “Deutschen Forschungsgemeinschaft” mit zwei führenden Vertretern der DFG




Dr. Karl Griewank

“Ab 1926 war Griewank hauptberuflich Mitarbeiter der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, der späteren Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Später übernahm er die Funktion als Leiter der dortigen geisteswissenschaftlichen Abteilung. Er betrieb Studien über die Zeit der preußischen Reformen. Schwerpunkte waren hierbei Königin Luise, August Neidhardt von Gneisenau und Karl August von Hardenberg.

In der Zeit des Nationalsozialismus setzte er die politischen Vorgaben zur inhaltlichen Umgestaltung der DFG um, trat jedoch weder der NSDAP noch dem NS-Dozentenbund bei. Griewank wird jedoch in der Sturmrolle der SA seit 15. Oktober 1933 als SA-Mitglied vom Dienstgrad Sturmmann geführt. 1936 wurde er wegen schwerer Krankheit entlassen. Im selben Jahr trat er der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt bei. Der christlich geprägte Griewank hatte seit 1934 Kontakt zur Bekennenden Kirche, arbeitete aber auch beim NS-Projekt Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften mit. 1942 erfolgte die Habilitation mit der Arbeit Der Wiener Kongreß und die Neuordnung Europas. Im Jahr 1943 wurde Griewank Dozent für Geschichte an der Friedrich-Wilhelm-Universität, der späteren Humboldt-Universität.

Nach dem Kriegsende und der Wiedereröffnung der Universität wurde Griewank als politisch unbelasteter Neuzeithistoriker zum Professor berufen. 1947 übernahm er das Amt des Herausgebers der Deutschen Literaturzeitung. Im gleichen Jahr wechselte er nach Jena und übernahm hier auch die Funktion als Dekan.

1953 verübte Griewank, er war gerade vom Historikertag in Bremen zurückgekehrt, Suizid. Trotz der schwierigen politischen und beruflichen Situation wird davon ausgegangen, dass die Motive im persönlichen gesundheitlichen Bereich und nicht im gesellschaftlichen Klima bestanden.”


Prof. Richard Wolfram – wissenschaftlicher Einfluss bis heute (Österreich, Salzburg) – Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes:

“Lehrstuhl für germanisch-deutsche Volkskunde, Universität Wien

Im März des Jahres 1939 bestreitet Wolfram den ersten Vortragsabend des ‘Ahnenerbe’ im Salzburger Mozarteum über die ‘Volkskunde der Nordgermanen.’ Anschließend wird ein Kameradschaftsabend des ‘Ahnenerbe Salzburg’ gepflegt. Wolfram beteiligt sich an einer Arbeitsbesprechung über ‘Fragen des Brauchtumsschutzes in der Ostmark’. Im Mai nimmt SS-Sturmbannführer Sievers teil an einem Vortrag des ‘Herrn Dr. Wolfram’ bei der Jahrestagung des ‘Ahnenerbe’ in Kiel. Am 29. 6. 1939 erfolgt die Ernennung Richard Wolframs zum planmäßigen außerordentlichen Professor am Lehrstuhl für germanisch-deutsche Volkskunde an der Universität Wien. Als Untersturmführer hat er die Aufgabe, ‘den Geist der Schutzstaffeln in die deutschen Universitäten hineinzutragen’. Wenn er in Uniform auftritt, ist sein Rang an drei Sternen des Kragenspiegels zu erkennen. In der Hierarchie steht er in der Mitte zwischen ‘Bewerber’ und dem Reichsführer SS. Auf der Dienstmütze trägt er unter dem Hoheitsadler samt Hakenkreuz das Totenkopfzeichen. [...]

Im Jahr 1951 nimmt Wolfram beim ersten deutschen Volkskundekongreß nach dem Kriege in Jugenheim teil. Im Jahre 1954 erlangt er die Venia legendi wieder. Fünf Jahre später wird er erneut zum außerordentlichen Professor an der Universität Wien ernannt. ‘Ein Abrücken von früheren Standpunkten ist im wesentlichen nicht zu erkennen.’ Die meisten der angebotenen Seminarthemen entsprechen den in der Zeit des Nationalsozialismus behandelten Inhalten. 1961 wird Wolfram Vorstand des Instituts für Volkskunde an der Universität Wien. Er hält Pflichtvorlesungen für Germanisten und Historiker. Ab 1963 ist er ordentlicher Professor für österreichische und europäische Volkskunde bis zu seiner Emeritierung 1971/72. Im Jahre 1977 wird ihm das Österreichische Ehrenkreuz erster Klasse für Wissenschaft und Kunst verliehen. Er gilt als Begründer und Doyen der Volkskunde in Österreich.

Am 5. November 1983 wird das “Salzburger Landesinstituts für Volkskunde” durch Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer mit einem Festakt im Kaisersaal der Salzburger Residenz eröffnet. Die Einrichtung, die direkt dem Landeshauptmann von Salzburg unterstellt und die dem nach der Geschäftseinteilung zuständigen Referat für Hochschulen und Wissenschaftsförderung eingegliedert ist, stellt für Salzburg ein Novum dar. Am 22. Dezember 1983 wird die Segnung der Institutsräume, Museumsplatz 2, durch Erzbischof DDr. Karl Berg und Superintendent Wolfgang Schmidt im Beisein von Landtagspräsident Hans Schmidinger vorgenommen.

Am 23. September 1985 wird der Vertrag über die Schenkung von em. O. Univ.-Prof. Dr. Richard Wolfram, Wien, für das Salzburger Landesinstitut für Volkskunde und zur Institutsbenennung ‘Richard-Wolfram-Forschungsstelle’ unterzeichnet. In einem Festakt in der Salzburger Residenz wird die Eröffnung des neu eingerichteten, rund 100 Quadratmeter großen Bibliotheks- und Archivraumes in der Judengasse 9 gefeiert. Die ‘Richard-Wolfram-Forschungsstätte’ befindet sich heute auf dem Salzburger Universitätsgelände am Mühlbacherhofweg 6.”


Wolfram Sievers

“In die NSDAP trat Sievers 1929. Im Jahre 1932 wurde er wissenschaftlicher Sekretär von Herman Wirth. Sievers, der an der TH Stuttgart die Fächer Geschichte, Philosophie und Religionswissenschaft belegte, trat 1933 aus der Kirche aus. 1935 übernahm er die Geschäftsführung der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe und wurde Mitglied der SS, in der er den Rang eines Standartenführers einnahm. Ebenso wurde er Vorsitzender der Vereinigung der Freunde germanischer Vorgeschichte und Mitglied des Freundeskreises Reichsführer SS.

Während des Zweiten Weltkriegs war Sievers zunächst Generaltreuhänder für die „Sicherung deutschen Kulturguts“ in den angegliederten Ostgebieten, eine euphemistische Umschreibung des organisierten Kulturgutraubs; darüber hinaus koordinierte er auch den Kulturgutraub durch verschiedene Wissenschaftler des SS-Ahnenerbes. Seit 1942 gehörte Sievers dem Beirat des Entomologischen Instituts des Ahnenerbes im KZ Dachau an.[7] 1943 wurde er stellvertretender Leiter des Beirats des Reichsforschungsrates. In diesen Funktionen war er einer der Verantwortlichen für die Menschenversuche und KZ-Morde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er im Nürnberger Ärzteprozess im Zusammenhang mit tödlichen Menschenversuchen angeklagt, am 20. August 1947 als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und am 2. Juni des folgenden Jahres in der Justizvollzugsanstalt Landsberg hingerichtet.

Wolfram Sievers Kreuzverhör im Ärzte-Prozess Nürnberg 1946

Die Zeugenaussage von Sievers in den ersten Nürnberger Prozessen war einer der wichtigsten Anstöße zum Nürnberger Ärzteprozess. Bei seiner Vernehmung wurde man auf eine „Skelettsammlung“ des Anatomie-Professors August Hirt an der Reichsuniversität Straßburg aufmerksam. Wolfram Sievers hatte den Befehl dazu erteilt, 112 jüdische Häftlinge im KZ Natzweiler-Struthof zu ermorden, um ihre Skelette zu präparieren.[8] Einem Widerstandskämpfer, der heimlich Notizen machte, ist es zu verdanken, dass die Opfer Jahrzehnte später identifiziert werden konnten.”


Prof. Dr. Walther Wüst

“Wüst wurde 1933 Mitglied der NSDAP und war seit 1934 als V-Mann für den SD tätig.

“Schon 1935 wurde Wüst ordentlicher Professor für ‘Arische Kultur- und Sprachwissenschaft’ und Dekan der Philosophischen Fakultät München. 1936 wurde Wüst in die SS aufgenommen (letzter Rang: Standartenführer) und 1937 Präsident der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe und damit deren faktischer Leiter unter dem offiziellen Kurator, Reichsführer-SS Himmler. Ab 1939 wurden die Rollen vertauscht: jetzt firmierte Himmler als ‘Präsident’ der ‘Forschungs- und Lehrgemeinschaft’. Ihm war als ‘Kurator’ Wüst ‘wissenschaftlich verantwortlich’, und damit auch für die Personalpolitik.

Am 5. Oktober 1936 hielt Wüst in Detmold die Festansprache zu Ehren von Wilhelm Teudt, einem Esoteriker und ‘Deutschgläubigen’, um die Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt an diesen zu feiern; zugleich wurde eine ‘Pflegstätte für Germanenkunde’ eröffnet. Himmler wies Wüst im Frühjahr 1939 an, die Forschungsaufgabe ‘Frühdiagnose bei Krebserkrankung’ dem 30-jährigen Rascher zu übertragen. Wüst war des Weiteren daran beteiligt, als 1943 zur nationalsozialistischen Propaganda im arabischen Raum Hitler als eine endzeitliche Gestalt des Islam dargestellt werden sollte, um dort an Unterstützung zu gewinnen.

In der Organisation der dem NS-Staat dienenden Wissenschaften spielte Wüst eine führende Rolle. In seine Amtszeit als Rektor der Universität München (1941–1945) fällt auch die Verhaftung der Geschwister Scholl im dortigen Hauptgebäude, an der Wüst persönlich beteiligt war. Bereits 1942 wurde er von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zum ordentlichen Mietglied in der Philosophisch-historischen Klasse berufen.

1945 wurde Wüst von den Besatzungsbehörden verhaftet und bis 1948 im Internierungslager Dachau gefangengehalten.”


Die zwei Karrieren des Fritz Knoll

“Knoll war seit 1937 Mitglied der NSDAP. Auch war er Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes, Gaudozentenführer und ab 1938 Vorsitzender des Reichsbundes für Biologie. Bereits vor dem 12. März 1938 soll er Vorlesungen in SS-Hosen gehalten haben.

Seine Nähe zum Nationalsozialismus kann als Erklärung dienen, warum er bereits am 15. März 1938 mittels eines Dienstzettels der Landesleitung der NSDAP Österreich den Auftrag erhielt, „mit sofortiger Wirksamkeit die Interessen der Landesleitung an der Wiener Universität“ wahrzunehmen. Ebenfalls am 15. März erfolgte die Weisung des Bundesministeriums für Unterricht, Knoll solle das Rektorat der Universität Wien übernehmen. Am 16. März übernahm Knoll vom bisherigen Rektor Ernst Späth die Amtsgeschäfte und wurde somit zum „kommissarischen Rektor“, bestellt. Dieses Vorgehen ist bis heute einzigartig.

Der Auftrag, die Interessen der Landesleitung der NSDAP zu wahren, koppelte die Verantwortung des Rektoratsamtes zusätzlich an einen eindeutigen politisch-ideologischen Auftrag. In diesem Sinne begann Knoll gleich mit der „Neuordnung der Universitätsverhältnisse“ indem er zuerst die Dekanatsstellen neu besetzte „damit die Fakultäten in einen zeitgemäßen Zustand“ kämen. Die Liste der neuen Dekane wurde bereits am 19. März 1938 veröffentlicht.

Mit Beginn des Wintersemester 1938/39 waren drei der wichtigsten Grundzüge nationalsozialistischer Hochschulpolitik umgesetzt: Umgestaltung des Lehrkörpers durch „Säuberung“ und politische Rekrutierungspraxis, Heranziehen einer NS-loyalen Studentenschaft und Umgestaltung der Hochschulverfassung nach dem „Führerprinzip“. Dementsprechend erklärte Knoll für das erste nationalsozialistische Studentenjahr: ‘So ist nun die Bahn frei für einen neuen Studienbetrieb und für den notwendigen Aufbau’.

Im Jahr 1939 erfolgt die Bestellung zum wirklichen Rektor. Dieses Amt hatte Knoll bis 1943 inne. Am 15. Mai 1943 fand die feierliche Inauguration seines Nachfolgers, des früheren Dekans der Medizinischen Fakultät, Eduard Pernkopf als Rektor der Universität Wien statt.

Am 25. März 1938 wurde in der Akademie der Wissenschaften bei einer Gesamtsitzung der Beschluss gefasst, Knoll zu ersuchen, vorerst auch für die Akademie die Wahrung der Interessen der Landesleitung der NSDAP zu übernehmen. Bereits am 29. März 1938 wurde die Bestellung Knolls von Seiten der NSDAP bestätigt und Knoll hatte sie bis März 1939 inne. Im November 1938 wurde Knoll auch noch in einem verhältnismäßig schnellen Verfahren zum ordentlichen Mitglied der Akademie gewählt.
Nach 1945

Juni 1945 wurde Knoll aufgrund seiner Mitgliedschaft bei der NSDAP durch Erlass des Staatsamtes für Volksaufklärung, Unterricht, Erziehung und Kultusangelegenheiten aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Auch von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wurde er von der Mitgliedschaft 1945 ausgeschlossen.

Im Dezember 1947 erhielt Knoll die Bescheinigung, dass er gemäß §17, Abs. (3), des Verbotsgesetzes 1947 als minderbelastete Person gelte. Aus diesem Grund wurde seine Entlassung in eine Pensionierung umgewandelt. Auch wurde er wieder vollberechtigtes wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.”


Eduard Paul Tratz

“Während der Zeit des Nationalsozialismus entwickelte Tratz große Nähe zum Regime. Er trat in die SS ein und stieg zum SS-Sturmbannführer auf. Als verdientem Mitglied verlieh ihm Heinrich Himmler den SS-Totenkopfring. Gerüchte, dass Tratz auch den Blutorden der NSDAP trug – also während der „Kampfzeit“ Verletzungen oder Repressalien erlitten hatte –, finden sich in seiner Personalakte des Bundesarchives nicht bestätigt.

Das Haus der Natur wurde damals zur Abteilung ‘Forschungsstätte für darstellende und angewandte Naturkunde Haus der Natur’ im Verein Ahnenerbe e.V.[1] Die ‘Forschungs- und Lehrgemeinschaft Das Ahnenerbe e.V.’ wurde auf Betreiben von Himmler im Jahre 1935 gegründet, um ‘Raum, Geist und Tat des nordischen Indogermanentums zu erforschen, die Forschungsergebnisse lebendig zu gestalten und dem deutschen Volke zu vermitteln; jeden Volksgenossen aufzurufen, hierbei mitzuwirken’, wie die Vereinssatzung vorschrieb. Zur Finanzierung des Vereins wurde 1937 die Ahnenerbe-Stiftung gegründet. Das Ahnenerbe betrieb in der Anfangszeit viel Pseudowissenschaft, später jedoch immer mehr seriöse Forschung, beispielsweise durch den Germanisten Joseph Otto Plassmann, den Rektor der Universität München Walter Wüst oder den Historiker Herbert Jankuhn.

Seit 1939 wurden im Ahnenerbe bekannte Medizinverbrechen verübt, vor allem durch Sigmund Rascher, August Hirt und Bruno Beger. In viele naturwissenschaftliche Aktivitäten des Ahnenerbes, aber auch Tagungen, wurde Tratz immer wieder von Ahnenerbe-Reichsgeschäftsführer Wolfram Sievers eingebunden. Hierzu gehörten die Forschungsstätte für Pflanzengenetik unter Heinz Brücher oder das Entomologische Institut des Instituts für wehrwissenschaftliche Zweckforschung des Ahnenerbes unter dem Entomologen und nach dem Krieg als Naturphilosophen tätigen Eduard May. Sein Büchlein Natur ist alles wurde 1943 im Verlag der Ahnenerbe-Stiftung herausgegeben. Dieses Buch wurde auf Befehl von Himmler an sämtliche SS-Führer verteilt.

Tratz machte während der NS-Zeit folgende umstrittene Aussage im Sinn der Sozialdarwinismus: „In freier Natur werden solche Krüppel und Missgeburten rücksichtslos ausgemerzt – auch viele ursprüngliche Völkerstämme halten an dieser natürlichen Auslese fest. […] Doch kann ein Volk an Körper und Seele nur dann gesund und kräftig bleiben, wenn es sich auch diesem Naturgesetz wenigstens in bedingtem Maße über Gefühlsregungen hinweg unterstellt.“

Trotzdem gelang Tratz die Rückkehr als Direktor des Museums Haus der Natur in Salzburg. 1963 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.”



Das Ahnenerbe Mozart


29. Januar 1941: Mozartjahr-Eröffnungsfeier des Rundfunks. Der deutsche Rundfunk sendet eine Eröffnungssendung für das Mozart-Jahr. Im Mittelpunkt steht eine Ansprache von Generalintendant Dr. Heinz Drewes.


28. November – 6. Dezember 1941 Mozart-Woche des Deutschen Reiches” – Antisemit Musikwissenschaftler Prof. Erich Schenk (Univ. Wien Lehrstuhl Musikwissenschaft): Das Ahnenerbe Mozart

Die Woche wurde vom Propagandaministerium und Wiens Reichsstatthalter Baldur von Schirach organisiert.


“Das Kleine Blatt! 29. November 1941 “Ein Feststag für die Kultur Europas”







Schirach Eröffnungsansprache zur “Mozart-Woche des Deutschen Reiches”




“DENN WER FÜR DEUTSCHLAND DAS SCHWERT ZIEHT, DER ZIEHT ES AUCH FÜR IHN!”





3. Oktober 1943 Konzert der Berliner Philharmoniker mit dem Dirigenten Johann Schüler in Krakau und Vortrag Drewes im “Institut für deutsche Ostarbeit“: “Die Ostauswirkungen der deutschen Musik”.

Schüler wurde am 20. April 1938 von Hitler zum Staatskapellmeister ernannt und 1944 von Hitler auf die “Gottbegnadeten-Liste” gesetzt.


Bericht in der “Marburger Zeitung” 13. Oktober 1943



3. Oktober 1943, Bericht “Krakauer Zeitung” Nr. 239 3/X/43 demnach müsste der Vortrag am 2. Oktober gewesen sein:

“(…) Die deutsche Musik, so führte der Redner eingangs aus, hat im Gegensatz zur Musik der romanischen Völker, die im wesentlichen auf den romanischen Kulturkreis beschränkt blieb, von jeher eine starke Expansionskraft nach Osten bewiesen. Zahlreiche, im Raume des heutigen Generalgouvernements gewonnene Beweise schließen sich zu einer
bedeutungsvollen und unwiderlegbaren Kette zusammen. Wir sind infolgedessen in der Lage, die Expansionskraft der deutschen Musik nach Osten hin nicht als These, sondern als Faktum zu behandeln. Alte deutsche Volksinstrumente, die in ihren engeren Ursprungsgebieten längst vergessen sind, wie beispielsweise das Organistrum, die Bauernleier, haben sich in den Gebieten östlich des Reiches noch hier und da erhalten. Ebenso bewahrten die aus deutschen Landen in den Osten auswandernden Siedler viele alte deutsche Volkslieder, wenn auch zum Teil nur in einer umgesungenen Form.

Außer dieser erst in jüngster Zeit schriftlich niedergelegten, bis dahin also mündlichen Tradition, fügen Dokumente der Kunstmusik aus Städten wie Krakau, Warschau und Thorn manches wertvolle Beweisstück in die Kette ein. Die in den genannten Städten gepflegte Kirchenmusik fußte auf der in Deutschland geläufigen Gregorianik, nicht etwa auf irgendwelchen anderen, vom byzantinischen Südosten heraufgedrungenen Systemen.

(…) Von Elssner, der auch den jungen Chopin unterrichtete, kam der Redner auf Chopin und dessen noch nicht eindeutig geklärte Abstammung zu sprechen. Er erwähnte, daß es sich wohl lohne, nachzuprüfen, ob Chopin nicht aus der Familie des nachweislich deutschen Generals >Schopping< entstamme (Gerda Pelz: "Die deutsche Musik im Osten. Vortrag von Dr. Drewes in Krakau." (Prieberg: Hdb. deutsche Musiker 1933-1945)


Drewes 1943 Krakau – Ende des Vortrags:

“Unsere Generation ist stahlhart entschlossen, ihre geschichtliche Sendung in dieser Gesinnung zu erfüllen.”


Die Kommentarfunktion ist geschlossen.