16. April 2016 Landestheater Coburg – Zum ersten Mal ein Teil der (wenigen) Musik aufgeführt, die Johann Strauss tatsächlich für sein unvollendetes Ballett „Aschenbrödel”, einen vom Libretto bestimmten Abschnitt komponierte und hinterließ


Neue Presse Coburg 10. Juni 2010 Kriminalfall im Dreivierteltakt

Kriminalfall im Dreivierteltakt aus Titel und großer Text


Die ab 2007 wieder aufgetauchten aus der Wienbibliothek im Rathaus mutmaßlich von deren 1994 suspendierten Musiksammlungsleiter „veruntreuten” und die wohl auch von diesem in ihr „verlegten” dort frühestens 2006 wiedergefundenen autographen Aschenbrödel-Skizzen beweisen, dass die seit 1899 bis heute geltende Überlieferung zum Strauss unvollendet hinterlassenem Ballett nicht stimmt (wikipedia):

Bis zu seinem Tode hatte Johann Strauß den ersten Akt sowie die Hälfte des dritten Aktes orchestriert. Das Werk zu vollenden, fiel Josef Bayer unter der vertraglichen Bestimmung zu, nur die Musik von Johann Strauss („mit Ausnahme der technisch nötigen Überleitungen“) zu verwenden.

Strauss komponierte viel viel weniger für einen vom Aschenbrödel-Libretto bestimmten Abschnitt, als bis heute behauptet/vermutet wird.


2016 – nach sechs Jahren erfolgreiche Aufführung unter Berücksichtigung der wieder aufgetauchten Autographe:


Kronen-Zeitung Wien zur Coburger Aschenbrödel-Premiere:

Krone Aschenbrödel 18 April 2016 1


Coburger Tageblatt 18. April 2016:

CT Skizzen uraufgeführt


Der Beweis: Aschenbrödel – An der schönen blauen Donau für Drehorgel und Orchester

Scan einer der mir 2008 von einem deutschen Musikwissenschfatler und engstem wissenschaftlichen Mitarbeiter des mutmaßlichen Veruntreuers angebotenen Partiturskizzen der mit diesem Angebot erstmals öffentlich aufgetauchten und am 16. April 2016 am Landestheater Coburg uraufgeführten Strauss’schen Donauwalzer-Bearbeitung für Aschenbrödel:


72


Los 968: Strauss, Johann (Sohn), … Sammlung von e. Musikmanuskripten mit Entwürfen für Orchesterwerke und Operetten. … 61 mit Bleistift beschriebene Seiten auf 32 Bl.

Venator Katalog


Das Kölner Auktionshaus Venator & Hanstein widersprach sich in seiner Objektbeschreibung 2010 selbst, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein:

Kunstmarkt Venator bis zu seinem Tod


Auf den im Auktionskatalog als „Partiturentwurf zum ersten Akt des Balletts Aschenbrödel” beschriebenen autographen Seiten 67-100 scheint weder der Werktitel Aschenbrödel noch der Name Johann Strauss auf.

Die auf diesen Seiten notierte Musik ist mit Ausnahme des Beginns des Anfangs von Walzer I des Donauwalzers unbekannt und niemals gedruckt worden.


Wie konnte das Auktionshaus dann erkennen:

Kunstmarkt Partiturentwurf 1 Akt


Beweis durch die erstmals in diesem Angebot öffentlich aufgetauchte Strauss’sche Bearbeitung seines Donauwalzers für Aschenbrödel instrumentiert für Drehorgel und Orchester:

Kunstmarkt beginnt  im Zentrum ganz
Das Aschenbrödel-Libretto bestimmt für die Mitte des 1. Akts den auf einer Drehorgel erklingenden Donauwalzer. Der damalige Rechteinhaber des Donauwalzers, Alwin Cranz, soll ein Veto gegen die Aufnahme des Donauwalzers ins Ballett eingelegt haben. Deshalb wurden im vom Verlag Weinberger herausgegebenen Klavierauszug der Uraufführungsfassung (1901) nur vier rechtefreie Takte des Donauwalzers gedruckt.


Bayer Werkelmann


Innerhalb der Seiten 67-100 ist der Donauwalzer auf den Seiten 69-77 notiert. Somit geben die Seiten 67 und 68 sowie 78-100 die vom Libretto bestimmte um den Donauwalzers von Strauss für den 1. Akt Aschenbrödel komponierte Musik wieder. Da diese Musik unbekannt ist, hätte Venator & Hanstein sie nicht – richtigerweise – als Partiturentwurf zum 1. Akt Aschenbrödel erkennen können.

Bayer soll den von Strauss angeblich in einer Partitur hinterlassenen nahezu vollendet orchestrierten 1. Akt aus dieser in seine Vollendung abgeschrieben haben. Dann müsste aber die auf 67-100 notierte Musik hierin enthalten sein. Dies ist nicht der Fall.

Kann Venator & Hanstein diesen Widerspruch erklären?


Die Kronen-Zeitung berichtete am 3. Februar 2011 über die Präsentation der Anfang 2011 aus dem Kölner Auktionshaus nach Wien zurückgeholten Autographe durch den Leiter der Musiksammlung der Wienbibliothek, Dr. Thomas Aigner:


Krone Aigner 33 Seiten


Da es sich bei den aus Köln zurückgeholten Seiten aber nicht nur um einen Teil – 33 Seiten – handelte, darf angenommen werden, dass die Krone nicht Seiten sondern Blätter gemeint hatte.

33 überträfe aber die von Venator & Hanstein angebotene Anzahl der Blätter: 32

Kunstmarkt Venator Los ohne Nummer


Die wahrscheinliche Auflösung bezüglich einer Vemehrung der von Venator & Hanstein an die Stadt Wien ausgehändigten 32 auf 33 Blätter:

Ein Blatt mit den Seitenzahlen 65 und 66 war der Landesbibliothek Coburg 2007 postalisch letztlich anonym und unentgeltlich überlassen worden.

Mir wurden 2008 und 2009 die 2010 bei Venator & Hanstein beschlagnahmten von Strauss beschriebenen 61 Seiten auf 32 Blättern und nicht 66 Seiten angeboten.

Aschenbrödel Seiten Blätter Angebot 2009


Wienbiblitoheks-Direktorin Dr. Sylvia Mattl-Wurm nennt 2010 in der Österreichischen Musikzeitschrift in ihrer Replik zu Johann Strauss auf Irrfahrt – unrichtigerweise – mir angebotene 66 Seiten und schreibt von einem fehlenden inneren Zusammenhang des 2007 in der LB Coburg eingetroffenen und 2008 mir angebotenen Materials. Es handelte sich in beiden Fällen aber um Aschenbrödel-Autographe.


66 beschriebene Seiten geteilt durch 2 würde 33 Blätter machen.

Mattl 2007 2008


Am 17. April 2016 geht die Krone immer noch von 33 Seiten und nicht 32 Blättern aus:

Krone Aschenbrödel 18 April 2016 2


Die Coburger Aschenbrödel-Produktion beginnt mit dem so von Strauss nicht komponierten – in Bayers Vollendung von 1899 und seiner Uraufführungsfassung 1901 überlieferten – Vorspiel. Dem folgt die von Strauss für einen vom Libretto bestimmten Abschnitt komponierte in der von ihm autorisierten unvollständigen Partiturreinschrift von unbekannter Hand mit Bleistifteintragungen von Johann Strauss MHc 21347 nachgewiesene Musik – Anfang 1. Akt bis Marsch (498 Takte) – und dann der musikalisch daran anschließende größte Rest der Uraufführungsfassung.

Das Publikum erlebt so die originale Aschenbrödel-Ballettmusik und kann darüber hinaus auch den größten Teil von Bayers Uraufführungsfassung erleben, ohne die Strauss’ begonnenes Aschenbrödel nicht auf die Bühne gekommen wäre.


Coburger Tageblatt 18. April 2016:

CT Aschenbrödel 1 oben


23. April 2016 fünfminütiger Aschenbrödel-Werbefilm von nectv MEDIA Neustadt eingestellt bei REGIONCOBURG.TV: Märchenhaftes Tanztheater – Das Landestheater erweckt das einzige, nur fragmentarisch hinterlassene Märchenballett von Johann Strauß wieder zum Leben. Das Coburger „Aschenbrödel“ tanzt zu wundervoller Musik.


MHc 21347 Seite 1 unvollständige Aschenbrödel-Partiturreinschrift von unbekannter Hand mit Bleistifteintragungen von Strauss – am unteren Seitenrand Johann Strauss: Nähmaschinen arbeiten

Aschenbrödel Reinschrift 1 aus


Die auf den Seiten 31 – 94 dieser 94-seitigen Reinschrift von unbekannter Hand notierte Musik ist durch die hiermit übereinstimmenden von Strauss handschriftlich mit 22a61 paginierten in der Aschenbrödel-Mappe befindlichen autographen Partiturskizzen 400443 als von Strauss komponiert belegt.

In Takt 6 über der Stimme der 1. Violine handschriftliche Bleistift-Korrektur des Melodieverlaufs wohl durch Bayer, da diese veränderte Tonfolge dann im Bayerschen Klavierauszug und 2002 in der Rekonstruktion der Urfassung Aschenbrödel 1899 von Prof. Rot aufscheint.

In der Coburger Aufführung erklingt die originale Tonfolge.


Seite 31 aus


siehe auch Takt 6 der autographen Partiturskizze

Strauss Aschenbrödel 22a

Die handschriftlichen Librettoeintragungen von Strauss auf den Seiten 1 – 21 der unvollständigen Partiturreinschrift von unbekannter Hand belegen, dass Strauss diese vorgelegen hat. Diese Partiturreinschrift kann daher als von Strauss autorisiert angesehen werden.

letzte Seite der Partiturreinschrift – 94

Reinschrift 94 letzte Seite

von Strauss mit 61 paginierte musikalisch übereinstimmende Partiturskizze

Skizze Strauss Aschenbrödel 61


Der mit den letzten vier Takten auf Seite 94 der Partiturreinschfrift identischen von Strauss mit 61 paginierten Partiturskizze schließen sich die in Coburg 2007 und 2008 aufgetauchten Partiturskizzen von Strauss mit 65 – 100 paginierten Seiten an.

Die auf diesen Seiten von Strauss notierte Musik ist – bis auf den Anfangsteil von Walzer 1 des Donau-Walzers (von Strauss notiert auf den von ihm paginierten Seiten 69-77) – unbekannt und scheint in der Bayerschen Vollendung 1899 nicht auf.

Nur bis Takt 91 ist die unvollständige Partiturreinschrift von unbekannter Hand MHc 21347 – Anfang des 1. Akts – identisch mit der Vollendung Bayers und der 2002 erschienenen von Prof. Michael Rot für die wissenschaftliche Strauss Edition Wien erarbeitete Rekonstruktion der Urfassung Aschenbrödel 1899.

Ab Takt 92 der Reinschrift weicht diese von Bayers Vollendung und Prof. Rots Urfassungs-Rekonstruktion deutlich ab – enthält darüber hinaus dann auch von Bayer und Prof. Rot nicht verwendete von Strauss aber für diesen vom Libretto bestimmten Abschnitt komponierte bis heute unbekannte Musik.


Die Strauss Edition Wien teilte auf ihrer 2014 aus dem Netz genommenen Website bezüglich der zwei Aschenbrödel-Fassungen von 1899/2002 und 1901 mit:

Als eigenständige Fassung gilt:

a) jede Veränderung des formalen Ablaufes (gestrichene, eingefügte, ersetzte Takte)

b) erhebliche Veränderungen der Instrumentation, Melodik oder Harmonik


Die seit 2014 angekündigte neue Website der Strauss Edition Wien ist bis heute nicht im Netz. Interessierte werden bislang an Schott verwiesen: STRAUSS EDITION WIEN – now available from SCHOTT


Die einzige Quelle zu Bayers Vollendung ist dessen in der Österreichischen Nationalbibliothek verwahrter handschriftliche Klavierauszug dieser Fassung.


Wenn behauptet wird, dass Strauss den angeblich nahezu vollendeten orchestrierten ersten Akt in einer Partitur hinterlassen und Bayer infolge des angeblichen Vertrags mit Adele Strauss diese Partitur deshalb 1:1 abgeschrieben habe, müsste die Musikabfolge des 1. Akts in den erhaltenen Quellen aufscheinen. Dies ist aber nicht der Fall:

Im Bayerschen Klavierauszug folgt nach der von Bayer direkt nach dem – in der unvollständigen Partiturreinschrift notierten Marsch des 1. Akts – ab Takt 499 abgetrennten Andantino – und erst nach [!] der durch die von Strauss auf den von ihm paginierten Partiturskizzen zum 1. Akt 67-100 bedingten musikalischen Lücke der Bayer-Vollendung - das vom Strauss’schen Entwurf abgetrennte Andantino schließlich ab Takt 472. Darauf folgen ab Takt 529 der von Bayer aus Strauss’schen Motiven zusammengestückelte Byzantinische- und der ebenfalls zusammengestückelte Egyptische Sklavinnentanz, dann eine von Bayer eingefügte Instrumentalsfassung des von Strauss 1895 als Alternativversion des Fledermaus-Csardas Klänge der Heimat für die Mezzosopranistin Marie Renard anlässlich einer Fledermaus-Aufführung in der Wiener Hofoper komponierten, aber von ihr dort nicht gesungenen Neuen Csardas. Dem folgen weitere größtenteils von Bayer aus Strauss’schen Motiven- und Instrumentationsentwürfen zusammengesetzte/gestückelte Tänze.

Betrachtet man außerdem, dass Strauss, wie zwei Tage nach seinem Tod (3. Juni 1899), am 5. Juni, im Wiener Tagblatt berichtet, bis zu seinem Tod bezüglich der Einteilung der Tänze wohl noch nichts entschieden hatte, ist die Behauptung, dass Strauss den ersten Akt nahezu vollendet orchestriert hinterlassen hat, widerlegt, was übrigens auch das Wiener Tagblatt am 5. Juni 1899 mitteilte:

Von einer bereits erfolgten Fertigstellung des ersten Aktes konnte in Folge dessen noch keine Rede sein und Meister Strauß erwähnte auch wiederholt, dass er nicht bestimmen könne, ob das Ballett schon in der nächsten Saison zur Aufführung kommen werde.


Wiener Tagblatt 5. Juni 1899:


Tagblatt 5. Juni 1899 ohne Leisten dunkler


Eigenständige Fassung von Strauss gegenüber Bayer und Rot: jede Änderung des formalen Ablaufs und (eingefügte Takte)

Die ab Seite 88 Takt 2 in der unvollständigen Partiturreinschrift von unbekannter Hand notierte von Bayer abgetrennte Musik Andantino scheint in seiner Vollendung erst 53 Takte nach der Donauwalzer-Bearbeitung und der darauf folgenden von Strauss hierfür nicht komponierten Musik in der Rot-Urfassungspartitur ab Takt 472 Seite 91 auf.

Bei Bayer wie dementsprechend auch bei Prof. Rot beginnt die übrigens bei beiden – wie die mir 2008 angebotenen Autographe belegen – unrichtige Donauwalzer-Bearbeitung im Unterschied zur von Strauss autorisierten unvollständigen Partiturreinschrift (nach deren letzter Seite 94 Skizze 61 auf den Skizzen 69-77) bereits nach dem sechsten Takt von Seite 75. Demnach auch hier eine erhebliche Veränderungen des formalen Ablaufs.


Angesichts all dessen nach wie vor von einer Rekonstruktion einer Strauss’schen „Urfassung” Aschenbrödel zu sprechen, würde voraussetzen, diese Tatsachen nicht wahrzunehmen.


Eine wohl peinliche Folge der „Aschenbrödel-Veruntreuung” – aus – und der „Aschenbrödel-Verlegungen” – in – der Musiksammlung der Wienbibliothek wird man wahrscheinlich noch in diesem Jahr erleben können:

Die Welt-Ersteinspielung der dreiaktigen 100 Minuten dauernden angeblichen „Urfassung” Aschenbrödel soll 2016 beim Klassik-Label CPO erscheinen, eingespielt 2014 vom ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter dem österreichischen Dirigenten und „Strauss-Spezialisten” Ernst Theis, von 2003 – 2013 Chefdirigent der Staatsoperette Dresden.

Während der ORF im Januar 2015 meldete: Mittlerweile ist viel neues Quellenmaterial aufgetaucht. Der ORF hat unter Brücksichtigung aller Quellen dieses Werk eingespielt, teilte mir der deutsche Musikverlag Schott auf meine Nachfrage beim ORF, welche von den zwei bislang überhaupt existierenden Ausgaben – von 1901 und 2002 – denn nun eingespielt worden sei, mit:

Wir können Ihnen bestätigen, dass die Fassung von Prof. Rot [2002] eingespielt wurde, welche nicht in der Zwischenzeit noch einmal überarbeitet wurde. Auf der CD wird, wie Frau Ranke [CPO] mir bestätigte, die Fassung ebenfalls mit vermerkt. Zu der von Ihnen befürchteten Täuschung der Kunden wird es somit nicht kommen.

Schott (Mainz) vertreibt – nach Bärenreiter/Alkor (Kassel) bis Juni 2014 – seit Juli 2014 weltweit das Aufführungs-Leihmaterial der seit 1993 entstehenden wissenschaftlichen Strauss Edition Wien. Das in Österreich erarbeitete Notenmaterial wird über einen deutschen Musikverlag vertrieben, da nur das deutsche Urheberrecht die 25 Jahre geschützte Wissenschaftliche AusgabeUrhG § 70 – kennt.

Bemerkenswerterweise heißt es bis heute unrichtig auf der Schott-Website in der „Beschreibung” der Rot-Partitur:Aschenbrödel Autographe [!] Fassung (Urfassung [!]), fertiggestellt von Josef Bayer 1899:

Zu seinem einzigen Ballett „Aschenbrödel” hinterließ Strauss nach seinem Tode mehrere autographe Partiturteile, die bis heute mit Ausnahme einer einzigen Seite verschollen sind.

Dies entspricht der schon 2002 unzutreffenden Darstellung im Revisionsbericht (S. 508) der vor 14 Jahren erschienenen Partitur „Aschenbrödel Rekonstruierte Urfassung [!] 1899″ :

Der Strauss’sche Nachlaß zu „Aschenbrödel” muß als verschollen gelten. Erhalten sind lediglich eine Seite (A1) in Ablichtung sowie die zahlreichen ausgeschiedenen Seiten (A3), (A4) und (AS1) bis (AS8).

Welche Autographe sind heute auf der Schott-Website mit „Aschenbrödel Autographe [!] Fassung (Urfassung)” gemeint, sind doch bis auf eine einzige Seite (mit nur vier Takten) die übrigen Autographe laut dieser Website bis heute verschollen?

Strauss Editions-Verleger Dr. Alexander Hermann und Alleinherausgeber Prof. Rot ist allerdings seit 2010 bekannt, dass inzwischen wieder über 550 Seiten autographe Aschenbrödel-Skizzen vorliegen, Schott-Verlagsleiter Dr. Hanser Strecker weiß dies von mir seit Februar 2015.


Infolge des Fehlens der für die Coburger Aschenbrödel-Produktion nun herangezogenen veruntreuten und „verlegten” Aschenbrödel-Primärquellen hatte Prof. Rot 2002 [noch] nicht auffallen können, dass er damals einem Fehlschluss erlegen war.

Der musikwissenschaftlich und bezüglich Johann Strauss äußerst kundige mutmaßliche Veruntreuer hatte 1992 in seinem Referat zur Existenz oder Nichtexistenz von Strauss-Forschung betont:

Autograph und Druck stimmen bei Strauß nur in den seltensten Fällen überein. Ein penibler Vergleich ist erforderlich.

Dieser Vergleich war Prof. Rot 2002 nicht möglich.

Prof. Rot glaubte 2002, im Revisionsbericht seiner Partitur bewiesen zu haben, dass er mit seiner [korrekten] Rekonstruktion der Bayerschen Vollendung 1899 zugleich auch eine Strauss’sche Urfassung des Balletts rekonstruiert und damit die letzte Möglichkeit geschaffen habe, ein bedeutendes Bühnenwerk von Johann Strauss zur Uraufführung zu bringen (Vorwort Resumee S. XIX)

Die Weltersteinspielung Aschenbrödels war bereits 1980 bei Decca erschienen, 1991 und 2002 in CD-Neuauflage (National Philharmonic Orchestra Richard Bonynge), allerdings Bayers – auch 2016 in Coburg mit verwendete – sich wesentlich von der Vollendung 1899 unterscheidende Uraufführungsfassung von 1901. Diese Fassung lag auch der Aschenbrödel-Produktion der Wiener Staatsoper von 1999 zugrunde, deren Filmmitschnitt sieben Jahre später [!] bei EuroArts erschien (Film-Werbeclip der DVD). Das booklet titelt Das wiedergefundene Aschenbrödel.


Zwei Wochen nach Veröffentlichung dieser DVD tauchten die ersten veruntreuten Aschenbrödel-Autographe in Coburg auf, und es begann damit das Finden des tatsächlichen Aschenbrödels:

Am 23. März 2007 überließ eine Person unter dem offenbar fingierten Namen „Prof. Heinrich Müller” der Landesbibliothek Coburg postalischletztlich anonym – und unentgeltlich 42 Seiten nicht inventarisierte aus der Wienbibliothek veruntreute autographe Aschenbrödel-Partiturskizzen zur weiteren Verfügung.


Im 1911 erschienenen Abreißkalender Johann Strauss und seine Zeit ist auf dem Blatt vom 24. Dezember der angebliche Vertrag zwischen Bayer und Adele Strauss genannt, der bestimmte, dass Bayer ausschließlich von Strauss komponierte Musik verwenden durfte.

Bis heute gilt unrichtigerweise noch immer die schon [!] zu Lebzeiten von Strauss am 28. Februar 1899 im Neuen Wiener Journal mitgeteilte Behauptung, dass er den ersten Akt fast vollendet habe.


Neues Wiener Journal 28. Februar 1899

Strauss Aschenbrödel 1 Akt fertig 28 Februar 1899 aus


Zur Uraufführung am 2. Mai 1901 im Königlichen Opernhaus Berlin gelangte allerdings nicht die Vollendung Bayers sondern deren komplizierte Umarbeitung.


Engel Aschenbrödel aus oben Vertrag


Bevor die Entscheidung zugunsten Bayers als Vollender getroffen wurde, hatte Adele am 20. August 1899 an Johann Batka geschrieben: Es darf ja ohnedies nicht eine fremde Note hineinkommen.

Die Öffentlichkeit konnte erstmals 1920 – ein Jahr nach der (bis 1999) letzten Aschenbrödel-Aufführung an der Wiener Staatsoper – von dieser Umarbeitung erfahren.

Allerdings schrieb Strauss-Freund und Zigeunerbaron-Librettist Ignatz Schnitzer in seiner zweibändigen Strauss-Biographie Meister Johann unzutreffenderweise nur von einer Umstellung einiger Musiknummern.

Schnitzer Umstellung einzelner Nummern aus


Da Emil Graeb, der Ballettdirektor der Berliner Hofoper, das Libretto für auf der Bühne nicht umsetzbar hielt, war ein neues erarbeitet worden, was Bayers musikalische Umarbeitung der Vollendung nach sich zog.

Die Öffentlichkeit ließ man aber in dem Glauben, dass die musikalische Vollendung für das neue Libretto nicht verändert worden war.


Neues Wiener Journal 7. Oktober 1900:

Aschenbrödel Anküdigung Berlin Umarbeitung oben

Aschenbrödel Ankündigung für Berlin Umarbeitung Musik unberührt geblieben


„Frau Johann Strauss“ versucht, die Presse zu überzeugen, dass die musikalisch kompliziert umgearbeitete Uraufführungsfassung die so von Strauss komponierte hinterlassene Musik ist.

Frau Johann Strauss, wie Adele sich nannte, hatte die Redakteure der Berliner- und Korrespondenten der Wiener Zeitungen für den Tag vor der Uraufführung ins Berliner Centralhotel geladen, um anhand der dort von ihr vorgelegten Partitur zu beweisen, dass die am nächsten Tag erstmals erklingende Musik bis auf nötige Verbindungen zur Gänze so von ihrem Mann komponiert worden war.

Diese Partitur [!] kann nur aus den in die wohl eigens für diese Präsentation hergestellte rote Leinenmappe gelegten Partiturskizzenblättern bestanden haben, da sich die Abfolge der Musik der Vollendung ja sehr geändert hatte. Die Mappe trägt in goldenem Prägedruck die Aufschrift Aschenbrödel Manunscript. und links oben Strauss’ faksimilierte Unterschrift.


Aschenbrödel-Mappe


Das Neue WienerJournal berichtete am 3. Mai 1901 über die Beweisaktion Adeles:


Partitur Neues Wiener Journal


Erst 2002 konnte die Öffentlichkeit von Prof. Rot Genaues über Bayers sehr komplizierte Umarbeitung erfahren: Rot schreibt im Vorwort seiner wissenschaftlichen Rekonstruktion der Aschenbrödel-Urfassung 1899 (S. XVII):

Bayer sah sich zu einer völligen Neugestaltung des musikalischen Ablaufs gezwungen. Er zerlegte die Urfassung in insgesamt 95 Teile und setzte sie wie ein Mosaik neu zusammen. Für die 2. Fassung verwendete er dabei nur 63 dieser Mosaikteilchen, einige notwendig gewordenen Überleitungstakte ergänzte er – nur einen einzigen Teil im Schluß des 3. Aktes gestaltete er – vor allem instrumentatorisch – völlg neu. So blieben mehr als 400 Takte der Urfassung in der 2. Fassung unbenützt.


Offensichtlich nicht über Bayers musikalische Umarbeitung seiner Aschenbrödel-Vollendung (1899) zur Uraufführungsfassung 1901 wissend, schrieb Theaterwissenschaftlerin Apl. Prof. Dr. Marion Linhardt von der Universität Bayreuth noch 1999 im Programmheft der Aschenbrödel-Produktion der immerhin Wiener Staatsoper (Uraufführungsfassung 1901):


Linhardt aus 1


Der ehemalige Ballettdramaturg der Wiener Staatsoper, Alfred Oberzaucher, nennt die musikalische Umarbeitung Bayers in seinem 1987 erschienenen Aschenbrödel-Artikel für Pipers Enzyklopädie des Musiktehaters auch nicht:

Oberzaucher Enzy Umarbeitung

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