16. April 2016 Landestheater Coburg – Zum ersten Mal ein Teil der (wenigen) Musik aufgeführt, die Johann Strauss tatsächlich für sein unvollendetes (unbeendetes!) Ballett „Aschenbrödel“, einen vom Libretto bestimmten Abschnitt komponierte und hinterließ


Kronen-Zeitung Wien über die sehr erfolgreiche Coburger Aschenbrödel-Premiere:
Tosender Applaus für die „Aschenbrödel“-Uraufführung im deutschen Coburg!

Krone Aschenbrödel 18 April 2016 1


Die ab 2007 wieder aufgetauchten aus der Wienbibliothek im Rathaus mutmaßlich von einem früheren „Mitarbeiter“ „veruntreuten“ und die wohl auch von diesem in ihr „verlegten“ dort frühestens 2006 wiedergefundenen autographen Aschenbrödel-Skizzen beweisen, dass die seit 1899 bis heute geltende Überlieferung zum Strauss unvollendet hinterlassenem Ballett unrichtig ist (wikipedia):

Bis zu seinem Tode hatte Johann Strauß den ersten Akt sowie die Hälfte des dritten Aktes orchestriert. Das Werk zu vollenden, fiel Josef Bayer unter der vertraglichen Bestimmung zu, nur die Musik von Johann Strauss („mit Ausnahme der technisch nötigen Überleitungen“) zu verwenden.

Strauss komponierte viel viel weniger für einen vom Aschenbrödel-Libretto bestimmten Abschnitt, als bis heute behauptet/vermutet wird. Diese (so) bisher unbekannte Musik wurde nun erstmals in Coburg aufgeführt.


Der in Österreich ab Sommer 2010 größere Aufregung verursachende Aschenbrödel-Diebstahlsfall war am 10. Juni 2010 durch die Coburger Neue Presse an die deutsche und österreichische Öffentlichkeit gelangt und wird nun durch die Coburger Aschenbrödel-Produktion 2016 wiederum thematisiert.


Neue Presse Coburg 10. Juni 2010 Kriminalfall im Dreivierteltakt

Kriminalfall im Dreivierteltakt aus Titel und großer Text


2016 – nach sechs Jahren erfolgreiche Aufführung (inklusive) des Aschenbrödel-Fragments unter Berücksichtigung der wieder aufgetauchten Autographe:

23. April 2016 fünfminütiger Aschenbrödel-Werbefilm von nectv MEDIA Neustadt eingestellt bei REGIONCOBURG.TV: Märchenhaftes Tanztheater – Das Landestheater erweckt das einzige, nur fragmentarisch hinterlassene Märchenballett von Johann Strauß wieder zum Leben. Das Coburger „Aschenbrödel“ tanzt zu wundervoller Musik.

Ab Min. 1:34 und dann wieder ab Min. 3:00 dieses Werbefilms allerdings unkorrekter Bericht über das Auftauchen der vor 1994 aus der Wiener Stadt- und Landesbibliothek (2006 umbenannt in Wienbibliothek im Rathaus) veruntreuten Autographe in Coburg.

Die von der Wiener Stadtbibliothek nicht inventarisierte [!] Aschenbrödel-Mappe der 1939 beschlagnahmten/öffentlich abgenötigten Sammlung Strauss-Meyszner, in welcher sich die in Coburg aufgetauchten Skizzen in der Wiener Stadtbibliothek befanden, umfasste laut der im November 1948 von der Wiener Stadtbibliothek erstellten Bestandsliste der Sammlung Strauss-Meyszner 611 Seiten Skizzen zu Aschenbrödel. Strauss notierte seine Entwürfe also nicht nur, wie im Aschenbrödel-Werbefilm behauptet, auf den in Coburg aufgetauchten 101 Seiten.

2007 wurden der Landesbibliothek Coburg nicht 40 Seiten angeboten, sondern postalisch letztlich anonym unentgeltlich zur weiteren Verfügung überlassen. Durch die im Begleitschreiben aufgeworfene Frage, ob es sich tatsächlich um Strauss-Autographe handle, war vom Absender vorbestimmt, dass sich die Landesbibliothek Coburg, an der man die Frage nicht beantworten kann, an die Wienbibiothek mit ihren Strauss-Spezialisten wandte. Dies geschah.

Hierdurch wurde die Wienbibliothek mit ihrer Vertuschung der Veruntreuung und des Fehlbestands der 2001 an die Erben nach Alice Meyszner restitutierten Sammlung konfrontiert. Die Aschenbrödel-Mappe ist im Wiener Restitutionsbericht 1999-2001 in der Liste der aus der Wiener Stadt- und Landesbibliothek restituierten Strauss-Musik-Autographe nicht aufgeführt.

Im Frühsommer 2007 hatte mich der 2011 kurz vor seinem 93. Geburtstag verstorbene Coburg/Neustadter Lehrer, jahrzehntelange Coburger Musikkritiker, Musikhistoriker und Orchesterleiter Rudolf Potyra angerufen. Potyra betreute auch die bedeutenden Musikalien der Landesbibliothek. 1995 war der von ihm herausgegebene zweibändige Katalog der in der LB Coburg verwahrten Coburger Theatermusikalien bei Henle erschienen.

Potyra:

Herr Braun,

Ich brauche Ihre Hilfe. Es ist etwas ganz Merkwürdiges geschehen. Die Landesbibliothek hat eine Sendung mit handgeschriebenen Notenblättern von einem „Prof. Müller“ erhalten. Auf dem beiliegenden Schreiben teilt „Prof. Müller“ mit, dass er diese Notenschriften auf einem Flohmarkt in einem deutschen Badeort, in dem er sich zur Kur aufhielt, erworben habe. Da auf mehreren dieser Blätter der Stempel „Nachlass Johann Strauss” angebracht sei, könne es sein, dass es sich tatsächlich um Strauss-Handschriften handle. Prof. Müller sei an Musik nicht interessiert und habe daher überlegt, wo diese Blätter am besten verwahrt wären. Wegen der historischen Verbindung von Strauss mit Coburg, sei er zu der Ansicht gelangt, dass die Landesbibliothek der richtige Ort sei. Er würde daher die Handschriften der Bibliothek überlassen. „Prof. Müller“ habe in seinem Schreiben keine Kontaktmöglichkeit angegeben.

Ich fragte Herrn Potyra nach besonderen Merkmalen der Blätter. Potyra nannte mir Textzeilen – wohl für Operetten. Auf meine Frage nach Rollennamen nannte er Grete. Darauf antwortete ich, dass es sich eigentlich nur um Aschenbrödel oder den zum 25-jährigen Jubiläum der Errichtung des Gebäudes der Gesellschaft der Musikfreunde Wien komponierten Walzer Klug Gretelein op. 462 handeln könne.

Wir verabredeten einen Termin in der Landesbibliothek. Dort zeigte mir Potyra in Gegenwart des stellevertretenden Bibliotheksleiters Rudi Mechthold die Hanschriften. Da die Landesbibliothek die unter der Patronanz der Wiener Philharmoniker seit 1995 entstehende wissenschaftliche Neue Johann Strauss Gesamtausgabe subskribiert hat, ist die Bibliothek auch im Besitz der 2002 in diesem Rahmen erschienenen wissenschaftskritischen Aschenbrödel-Partitur. Anhand mehrerer Abbildungen in dieser konnte ich die Blätter als autographe Skizzen zu Aschenbrödel identifizieren.

Überrascht war ich, als ich im Revisionsbericht der Partitur las:

Der Strauss’sche Nachlaß zu „Aschenbrödel” muß als verschollen gelten. Erhalten sind lediglich eine Seite (A1) in Ablichtung … .

Ich ging daraufhin davon aus, dass Adele Strauss die ihr von ihrem Mann hinterlassenen autographen Aschenbrödel-Skizzen nach der Vollendung des Balletts durch Josef Bayer von diesem nicht zurückerhalten hatte und Teile dieser Autographe jetzt wieder aufgtaucht seien.

Ich bat Herrn Potyra um einen Satz Kopien, um im Vergleich mit der 2002er Partitur abzuklären, ob sich eine Überarbeitung dieser empfehlen würde. Herr Mechthold berichtete, dass die Bibliothek einen „Prof. Heinrich Müller“ nicht habe ausfindig machen können und dieser auch keinerlei Fragen bezüglich Echtheit und Preis im Falle eines Ankaufs in seinem Schreiben aufgeworfen habe. Herr Potyra übergab mir kurz darauf die erbetenen Kopien.


Coburg Aschenbrödel Schwestern


Coburger Tageblatt 18. April 2016:

CT Skizzen uraufgeführt

Coburger Aschenbrödel-Programmheft 2016


Der Beweis, dass Strauss nur so wenig Musik für einen vom Libretto bestimmten Abschnitt komponiert hatte – erbracht durch den 2010 vom Kölner Auktionshaus Venator & Hanstein angebotenen Partiturentwurf zum 1. Akt des Balletts Aschenbrödel mit Paginierung 67 – 100, welcher dem damaligen Leiter des Coburger Kulturbüros, Albrecht Tauer, und mir – als damaligem Leiter der Deutschen Johann Strauss Gesellschaft – bereits 2008 vom Einlieferer angeboten worden war, ohne dass der Anbieter den Werktitel nannte:

Aschenbrödel – An der schönen blauen Donau für Drehorgel [!] und Orchester


27. Februar 2008:

Mail Bodendorff an Tauer aus ohne Namen ohne Jahr


Der im Herausgeben wissenschaftlicher Notenausgaben (Franz Schubert) und daher auch im Umgang mit Musikautographen erfahrene Anbieter/Musikwissenschaftler hätte erkennen können, dass das auf den von Johann Strauss handschriftlich mit 69 – 77 paginierten von ihm auf diesen „in einer Partitur großzügig angelegten Thema des Donauwalzers in eine andere Komposition einfließen sollte“ und es sich nicht „um eine Frühfassung des Donauwalzers“ (1867) handelt, da sich die Seiten 69 – 100 in die von Strauss mit 67 – 100 paginierten Seiten lückenlos einreihen. Einer der ersten Schritte beim Erarbeiten der Ausgabe einer Komposition ist das Erstellen der Seitenabfolge der Autographe, möglichst anhand einer vom Komponisten an diesen angebrachten Paginierung. Demnach hätte sich diese Frage dieses Musikwissenschaftlers für ihn nicht stellen dürfen. Dass Strauss erwogen haben könnte, bereits für den 1867 uraufgeführten Walzer An der schönen blauen Donau eine Drehorgel einzusetzen – wie auf jeder der Seiten 69 – 77 notiert -, kann ausgeschlossen werden.


Scan einer (Strauss pag. 72) der mir 2008 von diesem deutschen Musikwissenschaftler und engstem wissenschaftlichen Mitarbeiter des mutmaßlichen Veruntreuers angebotenen Partiturskizzen der mit diesem Angebot erstmals öffentlich aufgetauchten und am 16. April 2016 am Landestheater Coburg uraufgeführten Strauss’schen Donauwalzer-Bearbeitung für Aschenbrödel:


72


Kunstmarkt: Losnummer 968: Strauss, Johann (Sohn), … Sammlung von e. Musikmanuskripten mit Entwürfen für Orchesterwerke und Operetten. … 61 mit Bleistift beschriebene Seiten auf 32 Bl.

Das Kölner Auktionshaus Venator & Hanstein widersprach sich innerhalb seiner eigenen [?] Objektbeschreibung:

„Bis zu seinem Tod hatte er den ersten und die Hälfte des dritten Akts orchestriert.“


Auf den im Auktionskatalog als „Partiturentwurf zum ersten Akt des Balletts Aschenbrödel“ beschriebenen autographen Seiten 67-100 scheint weder der Werktitel Aschenbrödel noch der Name Johann Strauss auf.

Die auf diesen Seiten notierte Musik ist mit Ausnahme des Beginns des Anfangs von Walzer I des Donauwalzers unbekannt und niemals gedruckt worden.


Wie konnte das Auktionshaus dann erkennen:

„Enthält einen Partiturentwurf zum 1. Akt des Balletts Aschenbrödel … Mit Paginierung 67-100.“


Beweis durch die erstmals in diesem Angebot öffentlich aufgetauchte Strauss’sche Bearbeitung seines Donauwalzers für Aschenbrödel instrumentiert für Drehorgel und Orchester:

Das Aschenbrödel-Libretto bestimmt für die Mitte des 1. Akts den auf einer Drehorgel erklingenden Donauwalzer. Der damalige Rechteinhaber des Donauwalzers, Alwin Cranz, soll ein Veto gegen die Aufnahme des Donauwalzers ins Ballett eingelegt haben. Wohl deshalb wurden im vom Verlag Weinberger herausgegebenen Klavierauszug der Uraufführungsfassung (1901) nur vier rechtefreie Takte des Donauwalzers gedruckt.


Bayer Werkelmann


Innerhalb der Seiten 67-100 ist der Donauwalzer auf den Seiten 69-77 notiert. Somit geben die Seiten 67 und 68 sowie 78-100 die vom Libretto bestimmte um den Donauwalzers von Strauss für den 1. Akt Aschenbrödel komponierte Musik wieder. Da diese Musik unbekannt ist, hätte Venator & Hanstein sie nicht – richtigerweise – als Partiturentwurf zum 1. Akt Aschenbrödel erkennen können.

Bayer soll den von Strauss angeblich in einer Partitur hinterlassenen nahezu vollendet orchestrierten 1. Akt aus dieser in seine Vollendung abgeschrieben haben. Dann müsste aber die auf 67-100 notierte Musik hierin enthalten sein. Dies ist nicht der Fall.


Die Kronen-Zeitung berichtete am 3. Februar 2011 über die Präsentation der Anfang 2011 aus dem Kölner Auktionshaus nach Wien zurückgeholten angeblich „33 [!] Seiten“ Aschenbrödel-Skizzen durch den Leiter der Musiksammlung der Wienbibliothek, Dr. Thomas Aigner:


Stolz präsentiert Thomas Aigner, Leiter der Musiksammlung Wien, jene 33 handgeschriebenen Seiten, die jüngst für so großes Aufsehen sorgten.


Die Krone-Redakteurin Brigitte Blabsreiter wird die vorgestellten zurückgeholten Autographe nicht abgezählt haben. Vielmehr wird wohl Dr. Aigner die Zahl 33 genannt haben.


Da es sich bei den aus Köln zurückgeholten Seiten aber nicht nur um einen Teil – „33 Seiten“ – handelte, darf angenommen werden, dass die Krone (Frau Blabsreiter) nicht Seiten [!] sondern Blätter [!] gemeint hatte.

33 überträfe [!] aber die von Venator & Hanstein angebotene Anzahl der Blätter: 32


Die wahrscheinlich zutreffende Auflösung bezüglich einer Vemehrung der von Venator & Hanstein an die Stadt Wien ausgehändigten 32 – auf 33 [!] Blätter:

Das zweiseitig beschriebene Blatt 1 [erkennbar an den gemeinsamen Risslinien] des Aschenbrödel-Teilkonvolut mit der zweibuchstabigen Kennung „FC“ (Seite FC [rote Tinte] 1 und FC [rote Tinte] 2) und den von Strauss angebrachten Paginierungen 65 [wohl beschnitten s. rechts oben] und 66 a war der Landesbibliothek Coburg 2007 überlassen worden.


65 geraade r

66 Kopie


Die mir angebotenen von Strauss mit 67 – 100 paginierten Seiten tragen ebenfalls die Teilkonvolutkennung „FC“ und auf dieses bezogene zweite Paginierungen (von unbekannter Hand in roter Tinte ) FC [rote Tinte] 3FC [rote Tinte] 28.


„FC 3″ [rote Tinte] Strauss „67″

67 gerade r


Venator & Hanstein hatte im Katalog die Seiten „68″ „FC [rote Tinte] 4″ und „69″ „FC [rote Tinte] 5″ abgebildet und nannte beide Paginierungen:

Enthält einen Partiturentwurf zum 1. Akt des Balletts Aschenbrödel. Mit Paginierung 67-100. … Von fremder Hand in roter Tinte die Paginierung 3-28.


Mir wurden 2008 und 2009 die 2010 bei Venator & Hanstein beschlagnahmten von Strauss beschriebenen 61 [!] Seiten auf 32 [!] Blättern und nicht 66 [!] Seiten [!] auf x [33 ?] Blättern angeboten.


Mail 19. November 2009 – inzwischen wusste der bezüglich Johann Strauss unkundige Anbieter und Musikwissenschaftler, dass Strauss den Donauwalzer mit Drehorgel in einem Ballett verwendete. Angeblich habe Strauss das bekannte Thema in diesem Ballett nochmals in den Mittelpunkt stellen wollen. Den Titel des Werkes nannte der Musikwissenschaftler – eineinhalb Monate bevor er die Autographe in Köln bei Venator & Hanstein einreichte – nicht. Außerdem sollte es sich um die letzten handschriftlichen Äußerungen von Strauss handeln.

Eineinhalb Stunden nach Erhalt des ersten Mails (16:10) traf um 17:48 ein zweites mit deutlicher Preiserhöhung ein:

16:10:

Aschenbrödel Seiten Blätter Angebot 2009


17:48: Preis wird um 7000 Euro erhöht:

Ein leidiges Übermittlungs- und Verständigungsproblem aus Österreich hat den Preis zu sehr in die Tiefe gezogen.

Bodendorff Übermittlungsproblem Tiefe


Wienbiblitoheks-Direktorin Dr. Sylvia Mattl-Wurm nennt 2010 in der Österreichischen Musikzeitschrift in ihrer Replik zu Johann Strauss auf Irrfahrt – unrichtigerweise – mir angebotene 66 [!] Seiten und schreibt unzutreffenderweise von einem fehlenden [!] inneren Zusammenhang des 2007 in der LB Coburg eingetroffenen und 2008 mir angebotenen Materials. Es handelte sich in beiden Fällen aber um Aschenbrödel-Autographe.


66 [!] beschriebene Seiten geteilt durch 2 würde 33 [!] Blätter machen.


Dr. Mattl-Wurm:

2007 [23. März] wurden der Landesbibliothek Coburg von einer Person mit dem offenbar fingierten Namen „Prof. Heinrich Müller“ Strauss-Skizzen im Umfang von 42 Seiten ohne Auflagen zur weiteren Verfügung zugesandt. Die Wienbibliothek, von den Coburger Kollegen informiert, konnte den Nachweis erbringen [am 30. Juni 2009], dass es sich um Material aus ihrem Besitz handelt, und erhielt die Blätter ausgefolgt. 2008 wurde Ralph Braun, dem Vorsitzenden der Deutschen Johann Strauss Gesellschaft, ein anderes, 66 Seiten umfassendes Konvolut von Strauss-Skizzen angeboten. Auch er informierte die Wienbibliothek, die wiederum unverzüglich zu ermitteln begann, ob bei besagten Manuskripten ein Eigentumsanspruch besteht. Die Nachforschungen, die sich wegen des fehlenden inneren Zusammenhang des Materials außerordentlich zeitaufwendig gestalteten, waren so gut wie abgeschlossen, als als der Verkäufer die Noten plötzlich zur Auktion in Köln einbrachte und sich Polizei und Denkmalamt einschalteten.


Am 17. April 2016 geht die Krone (Frau Blabsreiter/inzwischen Quint und Matthias Lassnig) unrichtigerweise immer noch von 33 [!] handgeschriebenen Seiten [!] und nicht von 61 [!] beschriebenen Seiten [!] auf 32 [!] Blättern [!] aus:

Krone Aschenbrödel 18 April 2016 2


Die Coburger Aschenbrödel-Produktion beginnt mit dem so von Strauss nicht komponierten – in Bayers Vollendung von 1899 und seiner Uraufführungsfassung 1901 überlieferten – Vorspiel. Dem folgt die von Strauss für einen vom Libretto bestimmten Abschnitt komponierte in der von ihm autorisierten unvollständigen Partiturreinschrift von unbekannter Hand mit Bleistifteintragungen von Johann Strauss MHc 21347 nachgewiesene Musik – Anfang 1. Akt bis Marsch (498 Takte) – und dann der musikalisch daran anschließende größte Rest der Uraufführungsfassung.

Das Publikum erlebt so die originale Aschenbrödel-Ballettmusik und kann darüber hinaus auch den größten Teil von Bayers Uraufführungsfassung erleben, ohne die Strauss’ begonnenes Aschenbrödel nicht auf die Bühne gekommen wäre.


Coburger Tageblatt 18. April 2016:

CT Aschenbrödel 1 oben


MHc 21347 Seite 1 unvollständige Aschenbrödel-Partiturreinschrift von unbekannter Hand mit Bleistifteintragungen von Strauss – am unteren Seitenrand Johann Strauss: Nähmaschinen arbeiten

Aschenbrödel Reinschrift 1 aus


Die auf den Seiten 31 – 94 dieser 94-seitigen Reinschrift von unbekannter Hand notierte Musik ist durch die in der Aschenbrödel-Mappe vorhandenen hiermit übereinstimmenden von Strauss handschriftlich mit 22a61 paginierten Partiturskizzen als Strauss komponiert belegt.

In Takt 6 über der Stimme der 1. Violine handschriftliche Bleistift-Korrektur des Melodieverlaufs wohl durch Bayer, da diese veränderte Tonfolge dann im Bayerschen Klavierauszug und 2002 in der Rekonstruktion der Urfassung Aschenbrödel 1899 von Prof. Rot aufscheint.

In der Coburger Aufführung erklingt die originale Tonfolge.


Seite 31 aus


siehe auch Takt 6 der autographen Partiturskizze

Strauss Aschenbrödel 22a

Die handschriftlichen Librettoeintragungen von Strauss auf den Seiten 1 – 21 der unvollständigen Partiturreinschrift von unbekannter Hand belegen, dass Strauss diese vorgelegen hat. Diese Partiturreinschrift kann daher als von Strauss autorisiert angesehen werden.

letzte Seite der Partiturreinschrift – 94

Reinschrift 94 letzte Seite

von Strauss mit 61 paginierte musikalisch übereinstimmende Partiturskizze

Skizze Strauss Aschenbrödel 61


Der mit den letzten vier Takten auf Seite 94 der Partiturreinschfrift identischen von Strauss mit 61 paginierten Partiturskizze schließen sich die in Coburg 2007 und 2008 aufgetauchten Partiturskizzen von Strauss mit 65 – 100 paginierten Seiten an.

Die auf diesen Seiten von Strauss notierte Musik ist – bis auf den Anfangsteil von Walzer 1 des Donau-Walzers (von Strauss notiert auf den von ihm paginierten Seiten 6977) – unbekannt und scheint in der Bayerschen Vollendung 1899 nicht auf.

Nur bis Takt 91 ist die unvollständige Partiturreinschrift von unbekannter Hand MHc 21347 – Anfang des 1. Akts – identisch mit der Vollendung Bayers und der 2002 erschienenen von Prof. Michael Rot für die wissenschaftliche Strauss Edition Wien erarbeitete Rekonstruktion der Urfassung Aschenbrödel 1899.

Ab Takt 92 der Reinschrift weicht diese von Bayers Vollendung und Prof. Rots Urfassungs-Rekonstruktion deutlich ab – enthält darüber hinaus dann auch von Bayer und Prof. Rot nicht verwendete von Strauss aber für diesen vom Libretto bestimmten Abschnitt komponierte bis heute unbekannte Musik.


Die Strauss Edition Wien teilte auf ihrer 2014 aus dem Netz genommenen Website bezüglich der zwei Aschenbrödel-Fassungen von 1899/2002 und 1901 mit:

Als eigenständige Fassung gilt:

a) jede Veränderung des formalen Ablaufes (gestrichene, eingefügte, ersetzte Takte)

b) erhebliche Veränderungen der Instrumentation, Melodik oder Harmonik


Die einzige Quelle zu Bayers Vollendung ist dessen in der Österreichischen Nationalbibliothek verwahrter handschriftliche Klavierauszug dieser Fassung.


Wenn behauptet wird, dass Strauss den angeblich nahezu vollendeten orchestrierten ersten Akt in einer Partitur hinterlassen und Bayer infolge des angeblichen Vertrags mit Adele Strauss diese Partitur deshalb 1:1 abgeschrieben habe, müsste die Musikabfolge des 1. Akts in den erhaltenen Quellen aufscheinen. Dies ist aber nicht der Fall:

Im Bayerschen Klavierauszug folgt nach der von Bayer direkt nach dem – in der unvollständigen Partiturreinschrift notierten Marsch des 1. Akts – ab Takt 499 abgetrennten Andantino – und erst nach [!] der durch die von Strauss auf den von ihm paginierten Partiturskizzen zum 1. Akt 67-100 bedingten musikalischen Lücke der Bayer-Vollendung – das vom Strauss’schen Entwurf abgetrennte Andantino schließlich ab Takt 472. Darauf folgen ab Takt 529 der von Bayer aus Strauss’schen Motiven zusammengestückelte Byzantinischeund der ebenfalls zusammengestückelte Egyptische Sklavinnentanz, dann eine von Bayer eingefügte Instrumentalsfassung des von Strauss 1895 als Alternativversion des Fledermaus-Csardas Klänge der Heimat für die Mezzosopranistin Marie Renard anlässlich einer Fledermaus-Aufführung in der Wiener Hofoper komponierten, aber von ihr dort nicht gesungenen Neuen Csardas. Dem folgen weitere größtenteils von Bayer aus Strauss’schen Motiven- und Instrumentationsentwürfen zusammengesetzte/gestückelte Tänze.

Betrachtet man außerdem, dass Strauss, wie zwei Tage nach seinem Tod (3. Juni 1899), am 5. Juni, im Wiener Tagblatt berichtet, bis zu seinem Tod bezüglich der Einteilung der Tänze wohl noch nichts entschieden hatte, ist die Behauptung, dass Strauss den ersten Akt nahezu vollendet orchestriert hinterlassen hat, widerlegt.


Wiener Tagblatt 5. Juni 1899 – zwei Tage nach Strauss‘ Tod:

„Von einer bereits erfolgten Fertigstellung des ersten Aktes konnte in Folge dessen noch keine Rede sein und Meister Strauß erwähnte auch wiederholt, dass er nicht bestimmen könne, ob das Ballett schon in der nächsten Saison zur Aufführung kommen werde.“


Tagblatt 5. Juni 1899 ohne Leisten dunkler


Eigenständige Fassung von Strauss gegenüber Bayer und Rot: jede Änderung des formalen Ablaufs und (eingefügte Takte)

Die ab Seite 88 Takt 2 in der unvollständigen Partiturreinschrift von unbekannter Hand notierte von Bayer abgetrennte Musik Andantino scheint in seiner Vollendung erst 53 Takte nach der Donauwalzer-Bearbeitung und der darauf folgenden von Strauss hierfür nicht komponierten Musik in der Rot-Urfassungs-Partitur ab Takt 472 Seite 91 auf.

Bei Bayer wie dementsprechend auch bei Prof. Rot beginnt die übrigens bei beiden – wie die mir 2008 angebotenen Autographe belegen – unrichtige Donauwalzer-Bearbeitung im Unterschied zur von Strauss autorisierten unvollständigen Partiturreinschrift (nach deren letzter Seite 94 Skizze 61 auf den Skizzen 69-77) bereits nach dem sechsten Takt von Seite 75. Demnach auch hier eine erhebliche Veränderungen des formalen Ablaufs.


Prof. Rot glaubte 2002, im Revisionsbericht seiner Partitur bewiesen zu haben, dass er mit seiner [korrekten] Rekonstruktion der Bayerschen Vollendung 1899 zugleich auch eine Strauss’sche Urfassung des Balletts rekonstruiert und damit die letzte Möglichkeit geschaffen habe, ein bedeutendes Bühnenwerk von Johann Strauss zur Uraufführung zu bringen (Vorwort Resumee S. XIX)


Die Weltersteinspielung Aschenbrödels war 1980 bei Decca erschienen, 1991 und 2002 in CD-Neuauflage (National Philharmonic Orchestra Richard Bonynge), allerdings Bayers – auch 2016 in Coburg mit verwendete – sich wesentlich von der Vollendung 1899 unterscheidende Uraufführungsfassung von 1901. Diese Fassung lag auch der Aschenbrödel-Produktion der Wiener Staatsoper von 1999 zugrunde, deren Filmmitschnitt sieben Jahre später [!] bei EuroArts erschien (Film-Werbeclip der DVD). Das booklet titelt Das wiedergefundene Aschenbrödel.


Zwei Wochen nach Veröffentlichung dieser DVD tauchten die ersten veruntreuten Aschenbrödel-Autographe in Coburg auf, und es begann damit das Finden des tatsächlichen Aschenbrödels:

Am 23. März 2007 überließ eine Person unter dem offenbar fingierten Namen „Prof. Heinrich Müller“ der Landesbibliothek Coburg postalischletztlich anonym – und unentgeltlich 42 Seiten nicht inventarisierte aus der Wienbibliothek veruntreute autographe Aschenbrödel-Partiturskizzen zur weiteren Verfügung.


Peter Kemp, langjähriger Präsident und heutiger Ehrenpräsident der Johann Strauss Society of Great Britain, hatte 1979 Aschenbrödel – 60 Jahre nach der letzten Aufführung an der Wiener Oper – zur Wiederaufführung (Manchester) und zur Schallplatteneinspielung gebracht. Kemps Forschungsergebnisse zu Aschenbrödel haben sich – nicht zuletzt durch seine Platten-/CD-Texte – als bis bis heute gültig mehrsprachig überliefert (auch im Internet).


Prof. Rots wahrscheinlich nur wenigen bekanntes Vorwort und Revisionsbericht seiner 2002 erschienenen Aschenbrödel-Partitur führen deutlich weiter als Kemps Darstellungen.

Prof. Rot schreibt im Revisionsbericht (S. 508):

„Johann Strauss‘ Nachlaß zu Aschenbrödel

Der Strauss’sche Nachlaß zu ‚Aschenbrödel‘ muß als verschollen gelten. Erhalten sind lediglich eine Seite (A1) in Ablichtung sowie die zahlreichen ausgeschiedenen Seiten (A3), (A4) und (AS1) bis (AS8).

Als Ergebnis unserer Forschung konnten jedoch Umfang und Beschaffenheit des Aschenbrödel-Nachlasses fast lückenlos eruiert werden. Es gilt als bewiesen, daß Strauss etwa 70% der vorliegenden Urfassung selbst instrumentiert hat, also 2/3 der Musik zur Gänze auf ihn zurückzuführen sind. Der Rest stammt zumindest in Form von Particellen und Skizzen ebenfalls von Strauss.

Die Forschungsergebnisse im einzelnen:

2. Aus den Eintragungen in dem von Bayer geschriebenen Klavierauszug (K1) läßt sich die von Strauss verfasste Instrumentation vieler Teile nachweisen. Es handelt sich meist um Buchstabenkürzel mit Seitenangaben, die jeweils auf verschiedene Konvolute des Nachlasses bzw. die entsprechende Seite verweisen. Kleine Notizen zur Instrumentierung bei Überleitungen finden sich fast bei [allen?] Überleitungen von 1 bis 4 Takten. Da mehrere Teile , die mit Sicherheit von Strauss stammen (wie Anfang 1. Akt, der Csardas im 1. Akt, das Vorspiel zum 3. Akt), keine solchen Kürzel tragen, kann man daraus schließen, daß auch die anderen nicht bezeichneten Teile jedenfalls fertig waren. Was mit dem Ergebnis der Dokumentenforschung (Punkt1) übereinstimmt. Bei den nicht mit Kürzeln bezeichneten Teilen handelt es sich um eine in sich geschlossene Mazurka und einen kompletten Marsch.

A. Mit Sicherheit instrumentierte Teile:

1. Ouverture und 1. Akt bis Takt 528 …

[In Takt 529 beginnt der Byzantinische Tanz. s. o.]

Das sind genau 69% aller Takte. Berücksichtigt man auch Presseberichte und Zeitabläufe, so war wenigstens der 1. Akt fertig, also nochmals 7 % mehr. Somit kann die Behauptung, Strauss habe zumindest 2/3 des Werkes selbst instrumentiert, selbst bei kleinen Unschärfen in obiger Liste als bewiesen gelten.“


Revisionsbericht Quellenlage S. 511

(K1) Klavierauszug / Urfassung

Klavierauszug mit Text, beides Fassung 1899, in der Handschrift von Josef Bayer; signiert am Ende jedes Bildes und datiert: 1. Akt ‚Angefangen 30.9.99‘, ‚Beendet am 9.10.99‘; Zwischenspiel ‚6.12.99‘; ‚Wien 19.10.99‘; ‚3. Akt ‚Vollendet am 26.1099 / Spieldauer und Zwischenakte 100 Minuten‘; Titelblatt: ‚1. Act / >Aschenbrödel< / Manuscript Josef Bayer' von Bayer: Österreichische Nationalbibliothek, Musiksammlung S.m.36361. Zahlreiche Eintragungen und Kürzel Bayers, von denen mehrere entschlüsselt werden konnten, geben deutliche Hinweise auf das von Strauss hinterlassene Material (siehe 'Strauss' Nachlass zu Aschenbrödel'): Es gab ein 'gebundenes Buch', das in (K1) insgesamt 35mal erwähnt wird, und zwar als 'geb. Buch', 'geb. B.S.' und 'B.S.' [Buch Seite]. Dieses Konvolut bestand aus zumindest 102 Seiten, die Bayer zur Verfügung standen."


„gebundenes Buch“ ist das in der Wienbibliothek seit 1942 verwahrte und erst 1967 inventarisierte Johann Strauss-Skizzenbuch 1896-1899 aus der Sammlung Strauss-Simon MH 12236.

Wie man dem Innendeckel des Bandes entnehmen kann, gehört es zum Aschenbrödel-Teilkonvolut mit der zweibuchstabigen Kennung R.S..

Die heute noch aus 14 Teilkonvoluten bestehende Aschenbrödel-Mappe der Wienbibliothek MH 21350 enthält ebenfalls ein Teilkonvolut R.S., beginnend mit Seite 154 und endend mit Seite 197 dieser Mappe.

B.S. steht für das aus 110 Seiten bestehende Aschenbrödel-Mappen-Teilkonvolut BS.


Im 1911 erschienenen Abreißkalender Johann Strauss und seine Zeit ist auf dem Blatt vom 24. Dezember der angebliche Vertrag zwischen Bayer und Adele Strauss genannt, der bestimmte, dass Bayer ausschließlich von Strauss komponierte Musik verwenden durfte:

Engel Aschenbrödel aus oben Vertrag

Bevor die Entscheidung zugunsten Bayers als Vollender getroffen wurde, hatte Adele am 20. August 1899 an Johann Batka geschrieben: Es darf ja ohnedies nicht eine fremde Note hineinkommen.“


Zur Uraufführung am 2. Mai 1901 im Königlichen Opernhaus Berlin gelangte allerdings nicht die Vollendung Bayers sondern deren komplizierte Umarbeitung.

Insofern war diese Darstellung im Engel-Kalender unzutreffend:

„… wobei vertragsmäßig festgesetzt wurde, daß das fertiggestellte Werk mit Ausnahme der technisch nötigen Überleitungen nur Musik von Strauß enthalten dürfe. In solcher Gestalt gelangte Aschenbrödel im Mai 1901 in Berlin zur Uraufführung.“


Bis heute gilt unrichtigerweise noch immer die auch schon [!] zu Strauss‘ Lebzeiten am 28. Februar 1899 im Neuen Wiener Journal mitgeteilte Behauptung, dass er den ersten Akt fast vollendet habe.


Wesentlichen Anteil an der bis heute unrichtigen Überlieferung zu Aschenbrödel hat die 1920 erschienene zweibändige Strauss-Biographie Meister Johann des Strauss-Freundes und Zigeunerbaron-Librettisten Ignatz Schnitzer (Bd. 2 S. 147):


Schnitzer Spätherbst 1898 Klavierauszug


Kemps Texte der Aschenbrödel-Schallplattenweltersteinspielung von 1980 und deren CD-Auflagen von 1991 und 2002 behaupten sämtlich – entsprechend Schnitzer 1920 – unzutreffend, Strauss‘ habe den Rohentwurf für Aschenbrödel im Spätherbst 1898 fertiggestellt. Kemp nennt in seinen Texten von 1980 und 1991 einen angeblich 1898 erstellten Klavierauszug – 2002 nicht mehr.

1980:

„Trotz der Behauptung des Komponisten, er komme nicht vom Fleck, scheint das Ballett gute Fortschritte gemacht zu haben, denn im Spätherbst war der erste Entwurf fertig; mit der Instrumentierung gedachte er sich zu beschäftigen, wenn er dazu Zeit hatte. Inzwischen wurde der Klavierauszug hergestellt um die Choreographie zu planen und mit den Proben zu beginnen.“

1991:

„Strauß machte sich unverzüglich an die Arbeit, die offensichtlich gut von der Hand ging, denn im Spätherbst 1898 war das Konzept fertig; an der Instrumentierung wollte er arbeiten, wenn sich Gelegenheit dazu bot. Inzwischen wurde der erste Klavierauszug hergestellt, um die Choreographie und in der Folge die Ballettproben in Gang zu bringen.“

2002:

„Nach einem zögerlichen Start kam Strauß mit der Produktion schnell voran und hatte im Spätherbst den Rohentwurf abgeschlossen.“


Insofern hätte die Mitteilung über einen nahezu fertiggestellten 1. Akt stimmen können.


Neues Wiener Journal 28. Februar 1899

„Strauß arbeitet mit großer Lust daran. Der erste Act ist schon nahezu fertiggestellt.

Strauss Aschenbrödel 1 Akt fertig 28 Februar 1899 aus


Die einzige Notiz von Strauss selbst über die Kompositionsphase vom Herbst 1898 bis Juni 1899 ist ein leider undatierter Brief an Bruder Eduard:

„Lieber Eduard!
… Ich habe mit dem Ballett vollauf zu thun – schreibe mir die Finger wund u. komme dabei nicht vom Fleck. Ich bin auf der 40 Seite (Partitur) u. habe erst 2 Scenen erreicht!

Mit herzl. Gruß von Adele, Alice
Dein Jean“
(Eigenhändig Wienbibliothek H.I.N. 121.867)


Adeles Brief an Johann Batka vom 3. Januar 1899 bestätigt die:

„Er ist sehr fleißig und hofft, Ihnen in absehbarer Zeit ein paar Balletskizzen vorspielen zu können.“ (Archive hl. mesta, Bratislava)


Kemp gibt 1980, 1991 und 2002 drei verschiedene Zeitpunkte für Johanns Brief an Eduard:

1980:

„Strauss machte sich unverzüglich an die Arbeit. ‚Ich habe mit Ballett vollauf zu thun …‘ schrieb er im Sommer 1898 …“

Diese Datierung findet sich auch im Katalog (S. 114) der großen Wiener Johann Strauss-Ausstellung von 1975 (150. Geburtstag), auf der ein eigenhändiger Partiturteil zu Aschenbrödel (Bestand der Wiener Stadtbibliothek) und passt auch zur Beschreibung Schnitzers von 1920 (Bd. 2 S. 147):


Racek Ausstellung Beschreibung


Schnitzer:

Schnitzer Preiskomitee sofort an die Arbeit


1991:

„Den ganzen Winter 1898 lang arbeitete Strauß am Aschenbrödel, doch im Mai 1899 schrieb er seinem Bruder Eduard …“


Diese Datierung entspricht Fußnote 4 des 1992 erschienenen die tatsächliche Existenz der Aschenbrödel-Donauwalzer-Bearbeitung hinterfragenden Artikels des Strauss-Forschers Univ.Prof. Eberhard Würzl Die aschgraue Donau (Mitteilungsblatt Die Fledermaus 4, März 1992 des Wiener Institut für Strauss-Forschung, SS. 57-62):

„Dies ist der entscheidende Hinweis auf ‚Aschenbrödel‘, das dreiaktige Ballett, von dem Strauß nicht einmal den 1. Akt vollenden konnte. (Fußnote 4)

4) Hier soll einer noch ausstehenden gründlichen Erforschung der Umstände nicht vorgegriffen werden, doch sei wenigstens darauf hingewiesen, daß Strauß im günstigsten Fall nur ein halbes Jahr am ‚Aschenbrödel‘ arbeiten konnte (Dezember 1898 bis Mai 1899). So entspricht die Notiz im ‚Wiener Tagblatt‘ vom 5. 6. 1899 (S.4), die sich auf eine kompetente Stelle stützt, gewiß den Tatsachen: ‚Von einer bereits erfolgten Fertigstellung des ersten Aktes konnte … noch keine Rede sein ….'“


2002:

„Im Oktober 1898 schrieb er an seinen Bruder Eduard …“


Mit dieser Datierung folgte Kemp Prof. Franz Mailer, auf den sich auch Prof. Rot im Vorwort seiner Partitur bezieht:

„Franz Mailer datiert diesen Brief Anfang Oktober 1898. Zwar schreibt Josef Priester noch am 9. September [1898], daß Strauss vom ‚Aschenbrödel‘-Stoff nicht überzeugt sei, andererseits bringt auch der hier erwähnte Brief Adeles [3. Januar 1899] ziemlich klar zum Ausdruck, daß noch Anfang Jänner 1899 keine größeren Teile fertig waren, die man hätte vorspielen können (oder wollen), aber die erhaltenen Briefe von Eduard Strauss an Johann bzw. Adele lassen eine spätere Datierung kaum zu.“


Erst 2002 durch Prof. Rot genaue Information über die komplizierte musikalische Umarbeitung zur Uraufführungsfassung:


Die Öffentlichkeit konnte überhaupt erstmals 1920 – ein Jahr nach der (bis 1999) letzten Aschenbrödel-Aufführung an der Wiener Staatsoper – durch Schnitzer von der musikalischen Umarbeitung zur Uraufführungsfassung erfahren. Allerdings schrieb er unzutreffenderweise nur von einer Umstellung einiger Musiknummern.

Schnitzer Umstellung einzelner Nummern aus


Da Emil Graeb, der Ballettdirektor der Berliner Hofoper, das Libretto für auf der Bühne nicht umsetzbar hielt, war ein neues erarbeitet worden, was Bayers musikalische Umarbeitung der Vollendung nach sich gezogen hatte.

Die Öffentlichkeit hatte man aber in dem Glauben gelassen, dass die musikalische Vollendung für das neue Libretto nicht verändert worden sei.


Neues Wiener Journal 7. Oktober 1900:

Aschenbrödel Anküdigung Berlin Umarbeitung oben

Aschenbrödel Ankündigung für Berlin Umarbeitung Musik unberührt geblieben


Am Tag vor der Uraufführung versuchte „Frau Johann Strauss“, wie Adele sich nannte, die Presse zu überzeugen, dass die musikalisch kompliziert umgearbeitete Uraufführungsfassung die so von Strauss komponierte hinterlassene Musik ist.

Sie hatte die Redakteure der Berliner- und Korrespondenten der Wiener Zeitungen ins Berliner Centralhotel geladen, um anhand der dort von ihr vorgelegten Partitur zu beweisen, dass die am nächsten Tag erstmals erklingende Musik bis auf nötige Verbindungen zur Gänze so von ihrem Mann komponiert worden war.

Diese Partitur [!] kann nur aus den in diese wohl eigens für die Präsentation hergestellte rote Leinenmappe gelegten Partiturskizzenblättern/Blattlagen bestanden haben, da die Abfolge der Musik der Vollendung für die Uraufführungsfassung ja sehr geändert worden war und eine gebundene Partitur insofern natürlich nicht vorgelegt werden konnte.

Die Mappe trägt in goldenem Prägedruck die Aufschrift Aschenbrödel Manunscript. und links oben Strauss‘ faksimilierte Unterschrift.


rote Aschenbrödel-Leinenmappe Wienbibliothek Ms MH 21350

Aschenbrödel-Mappe


Das Neue Wiener Journal berichtete am 3. Mai 1901 über die Beweisaktion Adeles:


Partitur Neues Wiener Journal


Erst 2002 konnte die Öffentlichkeit von Prof. Rot Genaues über Bayers sehr komplizierte Umarbeitung erfahren: Rot schreibt im Vorwort seiner wissenschaftlichen Rekonstruktion der Aschenbrödel-Urfassung 1899 (S. XVII):

Bayer sah sich zu einer völligen Neugestaltung des musikalischen Ablaufs gezwungen. Er zerlegte die Urfassung in insgesamt 95 Teile und setzte sie wie ein Mosaik neu zusammen. Für die 2. Fassung verwendete er dabei nur 63 dieser Mosaikteilchen, einige notwendig gewordenen Überleitungstakte ergänzte er – nur einen einzigen Teil im Schluß des 3. Aktes gestaltete er – vor allem instrumentatorisch – völlg neu. So blieben mehr als 400 Takte der Urfassung in der 2. Fassung unbenützt.


Wohl nicht über Bayers musikalische Umarbeitung seiner Aschenbrödel-Vollendung (1899) zur Uraufführungsfassung 1901 wissend, schrieb Theaterwissenschaftlerin Apl. Prof. Dr. Marion Linhardt von der Universität Bayreuth noch 1999 im Programmheft der Aschenbrödel-Produktion der Wiener Staatsoper (Uraufführungsfassung 1901):

„Die ‚Aschenbrödel‘-Musik, die das zeitgenössische Publikum bei der Berliner Uraufführung und der Wiener Erstaufführung … hören konnte, stammte zwar durchwegs von Strauß; doch nur den 1. Akt des Balletts hatte dieser vor seinem Tod abschließen können. Für den 2. und 3. Akt verarbeitete Josef Bayer, wenn auch nach strengen Maßgaben, hinterlassenes Material, das Strauß für „Aschenbrödel“ vorgesehen hatte.


Der ehemalige Ballettdramaturg der Wiener Staatsoper, Alfred Oberzaucher, nennt die musikalische Umarbeitung Bayers in seinem 1987 erschienenen Aschenbrödel-Artikel für Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters ebenfalls nicht:

„Strauß hatte nur den I. Akt in Partiturform hinterlassen, für die beiden anderen standen Klavierskizzen mit Instrumentationsangaben zur Verfügung. Bayer hatte das Material zu ordnen und Verbindungsstücke zwischen den einzelnen Bildern thematisch und motivisch aus den vorhandenen Skizzen abzuleiten. Da Mahler plötzlich aus Kostengründen seine Einwilligung zur Aufführung zurückzog, wandte sich Strauß‘ Witwe Adele an die Königliche Oper Berlin, die das Werk annahm. Von Berlin aus bat man den erfahrenen Wiener Ballettlibrettisten Regel, eine Umarbeitung des Librettos vorzunehmen. Das ursprüngliche Libretto von Kollmannn wurde vernichtet.“

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